Ließ Scharon einen Testballon fliegen?

Viel Aufregung um das Interview eines Beraters von Israels Regierungschef

  • Von Oliver Eberhardt, Jerusalem
  • Lesedauer: ca. 2.0 Min.

Verwirrung um ein Interview: Ariel Scharon sei theoretisch dazu bereit der palästinensischen Führung Teile Ostjerusalems zu übertragen, sagte ein Berater des israelischen Premiers dem US-amerikanischen Nachrichtenmagazin »Newsweek«. Der Regierungschef selbst bestreitet das.

Im Gegenzug für ein umfassendes Friedensabkommen sei Ariel Scharon theoretisch bereit, nicht nur 90 Prozent des Westjordanlands, sondern auch große Teile des überwiegend von Palästinensern bewohnten Ostjerusalems an den zukünftigen palästinensischen Staat zu übertragen, zitierte das US-amerikanische Nachrichtenmagazin »Newsweek« in seiner jüngsten Ausgabe Kalman Gayer, einen engen Vertrauten des israelischen Regierungschefs. Der Premierminister wies die Aussagen zwar umgehend in selbst für seine Verhältnisse ausgesprochen scharfen Worten zurück, »falls sie tatsächlich so getan worden sein sollten«. Doch in der israelischen Öffentlichkeit sorgten sie dennoch für Rätselraten. »Warum sollte ein enger Mitarbeiter Scharons solche Sachen sagen, ohne sie vorher mit seinem Chef abgesprochen zu haben?«, fragte zum Beispiel die Zeitung »Jedioth Ahronoth« und lieferte eine mögliche Antwort gleich mit: Die Äußerung könnte ein Testballon gewesen sein, um die öffentliche Meinung auszuforschen. Kalman Gayer nämlich ist Scharons Experte in Sachen Meinungsumfragen. Eine von denen ergab dann auch gleich, dass nur 28 Prozent der israelischen Wähler dem Premier die demonstrative Entrüstung abnehmen. Der israelische Armeerundfunk hingegen mutmaßte, Gayer könne heimlich die Seiten gewechselt und mit dem Interview versucht haben, Scharons alter Partei Likud in die Hände zu spielen. Denn dort rieb man sich nach dem Erscheinen des Interviews begeistert die Hände und ließ neue Wahlkampfplakate drucken. »Scharon wird Jerusalem teilen«, ist darauf zu lesen. Doch den Rechtskonservativen verging schnell das Lachen: Am Freitag veröffentlichte »Jedioth Ahronoth« eine repräsentative Umfrage, in der 48 Prozent der Befragten angaben, durchaus für eine Aufgabe Ostjerusalems zu sein. Und Jossi Beilin, der Vorsitzende der linksliberalen Meretz-Partei, gab in der Zeitung »Haaretz« zu bedenken, dass Jerusalem ohnehin nie vereint war: »Die Juden leben im Westen, die Palästinenser im Osten. Einen Austausch zwischen beiden Seiten gibt es nur selten.« Die wachsende Zustimmung für die Aufgabe von Teilen Ostjerusalems sei das Ergebnis eines Sinneswandels, der sich in der Öffentlichkeit in den Monaten nach der Räumung des Gaza-Streifens im Sommer vollzogen habe, glaubt der Soziologe Dr. Avner Klein von der Hebräischen Universität Jerusalem. »Die Menschen haben in den ersten Jahren der Intifada miterleben können, dass eine Politik der harten Hand keinen Frieden bringt; während die Siedlungen wegen der erheblichen Ressourcen, die ihr Schutz erfordert, zunehmend als Belastung empfunden werden«, begründet Klein und folgert daraus: »Es scheint, als wünschten sich viele ...

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