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Wird Zeit, das zu lesen

Christian Geisslers Werk

Christian Geissler war keine talentfreie, selbstverliebte Literaturbetriebsnudel von der Sorte, wie wir sie heute in den Talkshows hocken sehen. Er zählte nicht zu der Sorte Schriftstellerdarsteller, die bei Bedarf zum gemeinschaftlichen Grinsen und Händeschütteln mit dem Bundeskanzler zum Fototermin erscheint. Der bekennende Kommunist Geissler war anders. Er »schrieb über Klassenkampf und Gewalt, über die Vernichtung der europäischen Juden und den Nationalsozialismus in einer kargen, rythmisierten und schroffen Sprache«, kommentierte der Journalist Oliver Tolmein das Werk des im Alter von 79 Jahren vor knapp fünf Jahren verstorbenen Autors.

Gestern las der Schauspieler Robert Stadlober im Berliner Brecht-Haus aus Geisslers dieser Tage in einer Neuausgabe erscheinendem Roman »Wird Zeit, dass wir leben«, der zu Beginn der Nazizeit handelt und die Geschichte eines Polizisten erzählt, der zum Widerständler wird.

Der Berliner Verbrecher-Verlag, an dessen literarischem Programm sich die Großverlage, von denen viele heute überwiegend Entspannungs- und Wohlfühlschmonzetten anbieten, mal ein Beispiel nehmen könnten, ist gar nicht genug zu lobpreisen. Denn er hat sich bereits vor etlichen Jahren zur Aufgabe gemacht, die Werke all jener ebenso politisch scharfsinnigen wie formal avancierten Schriftstellerinnen und Schriftsteller neu aufzulegen, die irgendwann zu Unrecht - aufgrund ihrer linken Überzeugung, aber auch weil ihre Bücher zu wenig an der Herstellung von Harmonie interessiert waren und zu viel über die soziale Realität der postnationalsozialistischen Bundesrepublik verrieten - von einem allmonatlich mutloser und marktkonformer werdenden Literaturbetrieb aussortiert wurden: Ronald M. Schernikau, Gisela Elsner, Christian Geissler, allesamt radikal linke Intellektuelle, die sich weigerten, ihre Arbeit an der vorherrschenden Ästhetik der larmoyanten Grasswalserlangeweile auszurichten. Wer keine SPD-Ortsvereinsliteratur oder betulichen Sonntagnachmittagsschnurren verfasst oder nicht Julia oder Juli mit Vornamen heißt, die oder der hat es traditionell nicht leicht im Land derer, die als Dichter (Durs Grünbein) und Denker (Richard David Precht) gelten und oft weder das eine noch das andere sind.

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