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Die Sache mit dem Teebeutel

Tempo Tempo! Im Wettlauf mit der Zeit - Ausstellung im Museum für Kommunikation

Zeit … ist Geld, sie fehlt uns, ist knapp, verrinnt, kann gestohlen werden, ist unwiederbringlich, kann aus den Fugen geraten, stillstehen oder rasen. Die Zeit ist eine physikalische Größenart und beschreibt die Abfolge von Ereignissen. Naturwissenschaftlich sowie bio- und humanwissenschaftlich betrachtet ist die Zeit ein zentraler, messtechnisch erfassbarer Parameter und ökonomisch betrachtet ein Wertgegenstand. Auch die Philosophie beschäftigt sich mit ihrem Wesen, verknüpft mit Fragen der Weltanschauung. Die Psychologie wiederum untersucht unsere Zeitwahrnehmung und das Zeitgefühl. Zeit durchdringt also alle Lebens- und Forschungsbereiche und wirft Fragen von existenzieller Bedeutung auf. Grund genug für das Museum für Kommunikation, das Phänomen in einer Sonderausstellung einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

In der Schau »Tempo Tempo! Im Wettlauf mit der Zeit« soll aufgezeigt werden, wie sich unser Leben in den letzten fünf Jahrhunderten unter dem Diktat der Beschleunigung verändert hat. Es geht also um zeitsparende technische Erfindungen und Entwicklungen sowie den Wandel von Zeitbewusstsein und Zeitordnungen. Gegliedert ist die Schau in die drei Themenbereiche »Immer schneller«, »Zeit ist Geld« und »Always on«.

Eingangs empfängt die Besucher eine Stechuhr, so dass jeder die genaue Verweildauer in der Ausstellung erfassen kann. Erstes Exponat ist eine große Sanduhr, die das Verrinnen der Zeit augenscheinlich macht. Das Stundenglas, eine Erfindung aus dem 14. Jahrhundert, wird akustisch flankiert vom Geräusch einer mechanisch tickenden Uhr und optisch ergänzt durch eine moderne, digitale Leuchtziffernanzeige mit neunstelliger Atomuhrzeit. Die Tausendstelsekunden wechseln in einem derart rasanten Tempo, das die einzelnen Zahlen unmöglich noch wahrgenommen werden können. Unweigerlich stellt sich ein Gefühl der Unruhe ein, wie sie gewöhnlich durch Zeitdruck hervorgerufen wird.

Beim Rundgang durch die Ausstellung, einer Zeitreise vom Spätmittelalter bis in die Gegenwart, wechseln sich Vitrinen mit insgesamt zweihundertfünfzig Schaustücken und verschiedene Mitmach-Stationen ab. So erfährt und erlebt man anschaulich und spielerisch den Wandel des Umgangs mit der Zeit im westlich-europäischen Raum. Die Palette der technischen Erfindungen zur Beschleunigung alltäglicher Verrichtungen und arbeitstechnischer Prozesse ist weit. Zu den Beschleunigern zählen beispielsweise Eisenbahn, Flugzeug, Schreib- und Rechenmaschine, Computer und Internet aber auch Reißverschluss, Teebeutel, Staubsauger oder Schnellkochtopf.

Erstaunt stellt man fest, dass die Beschleunigung des Lebens nicht erst mit dem Computerzeitalter eingesetzt hat, sondern schon in der frühen Neuzeit, mit Beginn der dauerhaften Briefbeförderung und des Warenverkehrs. Heute hat die Beschleunigung nahezu alle Lebensbereiche durchdrungen, ohne dass wir dadurch in irgendeiner Weise über mehr Zeit verfügten. Im Gegenteil, das hohe Dauertempo und permanentes Zeitmanagement sind Mitverursacher des Zunehmens von »Burnouts« und führen in eine »Müdigkeitsgesellschaft«. Die Ausstellung macht deutlich, dass wir uns an einem entscheidenden Wendepunkt dieser Entwicklung befinden und regt an zum Nachdenken über den eigenen Umgang mit Zeit. In einem der Gästebücher findet sich das folgende Fazit eines Besuchers: »Zeit kann man nicht sparen, man muss sie sich ganz frech nehmen.«

Bis 1. September, Di 9-20 Uhr, Mi-Fr 9-17 Uhr, Sa, So, Feiertag 10-18 Uhr. Katalog. www.mfk-berlin.de

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