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Eine Giraffe verschwindet

»Die große Schönheit« von Paolo Sorrentino

  • Von Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 4 Min.

Florenz mag sein Stendhal-Syndrom haben, Roms Geschichte und bauliche Schönheit aber kosten nicht nur zeitweise Verstand und Orientierungsvermögen, sie kosten das Leben: Ein japanischer Gruppenreisender, die unvermeidliche Kamera im Anschlag, erliegt angesichts des Ausblicks vom Gianicolo einem Herzinfarkt. Das Leben ist eine Reise in den Tod, und der kommt manchmal schneller als gedacht. Die meisten Figuren des Films »Die große Schönheit« von Paolo Sorrentino aber sind schon zu Lebzeiten einbalsamierte Lebeleute, gefangen in einem Reigen aus mondänen Nichtigkeiten, Festen, Feiern und viel pseudo-intellektuellem Gerede. Nicht zufällig steht dem Film ein Zitat aus Célines zivilisationsmüdem »Reise ans Ende der Nacht« voran.

Auch der Held der Geschichte ist der letalen Faszination der Stadt erlegen. Einst ein für sein Romandebüt gefeierter Schriftsteller, ist Jep Gambardella 45 lange Feierjahre später nur noch Gelegenheits-Journalist, zugleich aber immer noch ein gern gesehenes Aushängeschild auf mondänen Partys - denn mit einem Schriftsteller, der nichts mehr veröffentlicht, kann man sich schmücken, ohne seine Bücher lesen oder gar über Inhalte diskutieren zu müssen. Zwar schlägt Gambardellas Herz weiter, aber vor lauter Nachtleben ist er nicht mehr zum Schreiben gekommen. Weil das mondäne Leben Roms als Thema für Romane nicht taugt - dafür ist es viel zu oberflächlich, selbstverliebt, korrupt und hohl -, interviewt er längst nur noch Prominente für ein Hochglanzmagazin. Wo schon Flaubert am Schreiben über das Nichts scheiterte, so erzählt Gambardella gerne, kann ihm die Aufgabe kaum gelingen.

Also reiht er sich ein in Polonaisen, die stets ins Nirgendwo führen, ein Connaisseur handgenähter Anzüge und feiner Einstecktücher, ein Mann mit kaskadierender Silbermähne, der immer etwas ölig wirkt. In der ewigen Stadt tummeln sich Nonnen, Klosterschülerinnen und Kardinäle, die lieber von Kochrezepten sprechen als von spirituellen Dingen (so, wie Robert Herlitzka, zuletzt für Marco Bellocchio ein denkwürdig resignierter Aldo Moro).

Zum festen Personal der ewigen Feiern gehören eine Salonkommunistin, die sich für eine engagierte Schriftstellerin hält, weil sie dank der Liebschaft mit einem Partei-Bonzen im parteinahen Verlag ihre Bücher publizieren durfte, eine Millionärin mit Problem-Sohn, die mit dem Leben abschließen und ihr Vermögen an die Kirche schenken wird, ein nie ganz arrivierter Theatermann namens Romano, den es schließlich in die heimische Provinz zurückzieht (gespielt vom Komiker Carlo Verdone), und eine alternde Stripperin mit Geheimnis (Sabrina Ferrilli), die ebenso plötzlich aus dem Film verschwindet wie die Giraffe, die ein Zauberer des nachts aus römischen Ruinen weghext.

Man wäre versucht, die ganze bröckelnde barocke Dekadenz dem Verfall der italienischen Zivilgesellschaft durch die nimmer endende Ära Berlusconi anzulasten, wäre da nicht Sorrentinos hehres Vorbild, Fellinis tragikomische Rom-Groteske »La dolce vita«. Und die ist ein sattes halbes Jahrhundert alt. Ein weiteres inhaltliches Vorbild ist sicher »Die Terrasse« von Ettore Scola, der 1980 sein linksintellektuelles Personal zur ernüchternden Lebensbilanz auf einer römischen Dachterrasse zusammenführte. Und natürlich Fellinis »Amarcord«, der Film mit dem phonetisch aufgezeichneten Dialekttitel, der »Ah, ich erinnere mich« bedeutet. Denn auch Jep Gambardella versinkt bald in Reminiszenzen an die Zeit, als die Zukunft noch vielversprechend war, überrascht vom Tod einer frühen Liebe - und von dem der Frau, die ihn in der Gegenwart vielleicht hätte erden können.

Es ist eine morbide Schönheit, die »La grande bellezza« zweieinhalb Stunden lang feiert. Aber von Zeit zu Zeit bricht sich die wahre Schönheit Bahn, die Schönheit alter Parks und alter Mauern, gelegentlich sogar die Schönheit echter Kunst und wahrer menschlicher Regungen. So pervers es klingt: »La grande bellezza« ist ein Film geworden, der aus Vulgarität und offensiv ausgelebtem Wohlstand, aus einer Freak-Show ganz im Stile Fellinis, einen inhaltlichen Mehrwert schöpft. Sorrentino, selbst Neapolitaner wie sein Hauptdarsteller Toni Servillo, blickt mit fasziniertem Horror auf die Stadt und ihre Mechanismen, und setzt ihr zu großer Musik (Pärt, Górecki, Preisner - und Antonello Venditti) und in den oft grandiosen Bildern von Kameramann Luca Bigazzi ein Denkmal voll blätterndem Putz und unerwarteter Größe.

Am Ende wird Jep Gambardella seine römische Dachterrasse mit unverbaubarem Blick auf das Kolosseum verlassen und eine Art Pilgerfahrt unternehmen zu den südlichen Stätten seines frühen Glücks, während die steinalte (und ziemlich zahnlose) Mutter-Teresa-Figur des Films auf allen Vieren die ablassträchtigen Stufen einer römischen Basilika erklimmt. Vielleicht gibt es ein Morgen, vielleicht einen neuen Roman, vielleicht eine Aussöhnung mit der Gegenwart, vielleicht sogar eine irgendwie erkaufte Zukunft jenseits des Todes. Wer weiß.

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