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Weihnachten als Geschäft

  • Von Friedrich Schorlemmer
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Deutschen haben zu viel schlechte Laune, hört man sagen. Dabei sei die Lage viel besser als die Stimmung. Weihnachten möge wenigstens die Kauf-Laune wiedererwecken. Der Einzelhandel zeigt sich zuversichtlich, die neue Regierung ebenfalls. Mancherorts konnte man es nicht erwarten. Die Domstadt Magdeburg wurde Vorreiterin und eröffnete weit vor Totensonntag vor dem Magdeburger Reiter den Rummel mit weihnachtlichem Dekor. Gewiss, zur Vorweihnachtszeit gehört auch sonntags das Gedränge auf den Weihnachtsmärkten, diese Freude an den Kleinigkeiten, die zum Weihnachtsfest gehören: die Düfte, die Lichter, die Lieder, diese seltsame Erwartung, dass da etwas Besonderes bevorsteht. Der Tag nämlich, an dem wir ein Geschenk - eine wunderbare Geburt - feiern und uns gegenseitig beschenken, vor allem mit dem höchsten Gut - mit der Zeit, die wir füreinander finden. Wer aber nicht mehr spürt, wie schön es ist, dass nicht alle Zeit alles zu haben ist, dem ist kaum noch zu helfen. Das Leergut Seele lässt sich kaum vollstopfen mit der Fülle von Waren. Der Glitzer und die Hektik der »Dome des Konsumismus« verdrängen (oder ersetzen!) die Stille, die Erhabenheit, das Erhebende der Dome, wo die Lichter, die alten Geschichten und die alten Gesänge etwas Entrückendes, Bewegendes und Geheimnisvolles ausstrahlen, wo Selbstbesinnung und Anheimelung zusammentreffen, wo »Maria durch ein Dornwald ging«, und wo jeder, der mitsingen kann, sich selber fragt: »Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir, du aller Welt Verlangen, du meiner Seelen Zier«. Wir sind dabei, alles zu zerrütten, was Vorweihnachts- und Weihnachtszeit ausmacht, es zuzumüllen, unter dem faden Glitzer und Glamour zu begraben, was die »stille Zeit« des Advent bereithält, wo man diesem Zauber Raum gibt, sich nicht von außen bestimmen lässt, ganz »Altmodisches« wieder tut, sich erzählt, sich vorliest, zuhört, dieses einmalige Flair der zu Adventsstuben verwandelten Wohnzimmer erlebt. Stille, Langsamkeit, Unmittelbarkeit, Absichtslosigkeit erleben, zusammen mit Kerzen, Keksen, Tannenzweigen. Jeder braucht ein bisschen Idylle. Emotionen wecken und sie zeigen, Zeit für sich und Zeit für die Familie haben oder gar Zeit für Menschen, die uns schlicht einmal brauchen. In besonderer Weise erleben, was es heißt, ein »Zuhause« zu haben, anderen zugehörig zu sein, wo jeder unverwechselbar als Person da ist oder jemand anders unverwechselbar für uns da ist. Fraglosigkeit, Freundschaft, Verstehen erfahren. Dazu gehören durchaus Aufmerksamkeiten füreinander, die Geschenke auch, aber eben als Ausdruck unserer Aufmerksamkeit, nicht eines Warenaustausches. Innere Leere wird sich nie durch äußere Fülle ausgleichen lassen. Jeder hat die Wahl: Also rennt nur los, Adventssonntag für Adventssonntag, in die gleißenden Rolltreppentempel einer Welt, in der alles zum Geschäft wird. Ihr werdet so vollgepackt wie leer nach Hause zurückkommen. Oder - ihr entzieht euch dem Run, zündet eine Kerze am Adventskranz an und bleibt gespannt, ob ihr eines stillen Glücks, eines kindlichen Strahlens fähig geblieben seid. Bedenkt: Das Äußere ist für das Innere da und taugt nicht zum Ersatz für das Innere. Unser Genießen mit allen Sinnen wird nicht die Frage nach dem Sinn erübrigen können - sofern es noch irgendwie entfernt um Weihnachten geht.

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