Werbung

Aufräumen nach dem Feuersturm

Vor 70 Jahren brannte Hamburg - für die Bergungsarbeiten wurden auch KZ-Häftlinge eingesetzt

  • Von Susann Witt-Stahl, Hamburg
  • Lesedauer: 3 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Heute vor 70 Jahren tobte in Hamburg der erste Feuersturm in der Geschichte des Krieges. Die Hanseaten gedenken der Todesopfer. Kaum erinnert wird an den Leidensweg der KZ-Häftlinge, die nach der Katastrophe für die Bergungsarbeiten eingesetzt wurden.

Das Außenlager des KZ Neuengamme lag mitten in einem Wohnviertel im Stadtteil Hammerbrook, unweit des Bahnhofs Berliner Tor. Ab November 1944 wurden in der ehemaligen Tabakfabrik, die Georgsburg, an der Spaldingstraße rund 2000 Häftlinge (Sowjetbürger, Polen, Franzosen, Belgier, Dänen und Deutsche) auf fünf Stockwerken eingepfercht.

Sie gehörten zu den insgesamt 72 000 Zwangsarbeitern, KZ- und Kriegsgefangenen, die in Hamburg für die Leichenbergung, Trümmerbeseitigung, aber auch für »Himmelfahrtskommandos«, der Entschärfung und Räumung von Blindgängern, herangezogen wurden. »Nachdem wir die Leichen aus den Kellern geholt hatten, mussten wir den Schutt nach Knochenresten durchsuchen«, berichtete später der ehemalige Häftling Jan Melsen. Die SS-Ärzte wollten die Anzahl der Toten ermitteln.

Zu dieser Zeit war Hammerbrook eine Kraterlandschaft - Zerstörungsgrad: 99 Prozent. In der brütend heißen Nacht vom 27. auf den 28. Juli 1943 hatte es auf das Arbeiterquartier, ebenso wie auf die Nachbarstadtteile Hamm, Rothenburgsort, Barmbek, Borgfelde und Wandsbek, Sprengbomben und Luftminen gehagelt. Mit Stabbrandbomben, fliegenden Zündhölzern, wurden die Häuser in Flammen gesetzt. »Unter uns brennt es wie in einem Hochofen«, so die Meldung von Captain Allen Forsythe, Bomberpilot der Royal Air Force. Phosphorbomben trieben die Menschen zu den Kanälen. Beim Überqueren der Straßen »blieben sie im flüssigen Asphalt stecken und verbrannten bei lebendigem Leib«, beobachtete ein elfjähriger Junge vom Rand des »riesigen Feuerballs«.

Das erste Mal in der Geschichte des Krieges fegte ein Feuersturm durch eine Stadt, der erst erlosch, nachdem er alles Brennbare verschlungen hatte. 35 000 Tote und 125 000 Verletzte, lautete die erschütternde Bilanz. 277 500 Wohnungen, 56 Prozent des gesamten Wohnraums der Hansestadt, waren zerstört.

Die vom US-amerikanischen und RAF-Bomberkommando »Operation Gomorrha« genannte siebenteilige Angriffswelle in dem Zeitraum zwischen dem 25. Juli und 3. August 1943 war eine bittere Konsequenz des vom Nazi-Regime beschworenen »totalen Krieges«. Der hatte nicht mit dem Überfall auf Polen, sondern bereits 1937 begonnen, als die berüchtigte Legion Condor die baskische Stadt Guernica als Testlabor für die Erprobung der ersten Flächenbombardements benutzte. »Unsere Städte sind nur ein Teil von all den Städten, welche wir zerstörten«, erinnerte Bertolt Brecht.

Die Infernos in den deutschen Städten konnten den Nazi-Terror nicht brechen. Seine Mission »Vernichtung durch Arbeit« wurde auch an KZ-Häftlingen durchexerziert, die zu den Aufräumarbeitenden gezwungen wurden: Hinrichtungen und Drangsalierungen durch die SS-Aufseher, vor allem bei den gefürchteten morgendlichen Zählappellen, waren im Hammerbrooker Außenlager unter dem Kommando von Sturmbannführer Arnold Strippel - er war auch für die Ermordung der 20 jüdischen Kinder vom Bullenhuser Damm verantwortlich - an der Tagesordnung.

Verheerende hygienische Bedingungen (es gab nur eine Badewanne, die sowohl für die gesamte Trinkwasserversorgung als auch zum Reinigen der Pinkelbecken genutzt wurde), Krankheiten, Unterernährung forderten am meisten Opfer unter den Häftlingen in der Georgsburg. Viele starben durch Bombenexplosionen bei den Bergungs- und Reparaturarbeiten. »Unser Rückweg ins Lager war normal mit Leichentragen verbunden. Es waren Erschlagene oder Tote aus totaler Erschöpfung und in den letzten Zügen«, erzählte Stanlislaw Sterkowicz nach der Befreiung. 800 seiner Kameraden sollten sie nicht mehr erleben.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!