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Vom Dorftrunk zum Szene-Renner

Club Mate wird schon lange in der fränkischen Provinz gebraut - nur wusste kaum jemand davon

  • Von Benno Schwinghammer, dpa
  • Lesedauer: 5 Min.
Der Rentner, der Glückspilz und der Hausbesetzer - alle drei verbindet eine Brause aus der fränkischen Provinz. Die wurde in Berlin und anderswo zum Kultgetränk.

Nürnberg. In Dietenhofen sagen sie immer noch »Sekt-Bronte«. Wer dort eine koffeinhaltige, fränkische Dorfbrause trinken will, bestellt lieber unter dem alten Namen. Obwohl der örtliche Braumeister Hans Sauernheimer die Bezeichnung des Trunks schon in der Nachkriegszeit änderte, lebt sie in den Köpfen der Bewohner weiter. Auch jetzt noch, wo die Limonade, die sie hier schon seit 90 Jahren kennen, in ganz Deutschland und besonders in der Hauptstadt so bekannt geworden ist. Wer in Dietenhofen eine »Sekt-Bronte« bestellt, bekommt Club Mate vorgesetzt.

Sauernheimer selbst will damit nichts mehr zu tun haben. Der heute 84-Jährige hatte es lange in den Gaststätten und Läden der Region versucht. Über Dietenhofen hinaus kannte sein Getränk auch nach Jahrzehnten fast keiner. »Es ist schwer zu verkaufen gewesen«, erinnert er sich. Sein Schwiegervater, so sagt es die Legende, soll das Rezept 1924 auf einer Messe entdeckt und erworben haben. Gebracht hat das nicht viel - bis Sauernheimer das Rezept an die nahe gelegene Bierbrauerei Loscher in Münchsteinach abgab.

Vielleicht möchte er deshalb niemanden zum Gespräch treffen. Denn tatsächlich wurde Club Mate unter seinem neuen Brauherrn das, was es heute ist: Ein Szenegetränk deutscher Metropolen, das aus Berlin genauso wenig wegzudenken ist wie Hipster oder das Berghain. Klischeehaft, aber erfolgreich.

Hunderte Kilometer entfernt vom Trubel: Mittelfranken, Münchsteinach, tiefste Provinz. Dort wo die Menschen einander auf der Straße grüßen, selbst wenn sie sich nicht kennen. Der Geruch von Gülle liegt in der Luft.

Geschäftsführer Marcus Loscher lässt es kalt, dass schon in den Nachbardörfern die meisten Leute nicht kennen, was in der deutschen Szene seit Jahren gefragt ist. »Wir tragen uns da nicht sehr groß nach außen und wollen das auch nicht«, sagt der 35-Jährige. Loscher sitzt in dem schlichten Büro der Brauerei, vor ihm eine geöffnete Flasche - natürlich Club Mate, das er »literweise« trinke. Wachsen wolle man zwar, aber nicht explodieren, erklärt er. Deshalb auch keine Werbung.

Einen Werbespruch hat Club Mate dann aber doch: »Club Mate ... Man gewöhnt sich dran«. Ein Sinnbild für ein Getränk, das gar nicht wirklich gut, doch aber anders schmeckt. Loscher kennt fast niemanden, der die Brause von Anfang an mochte - sich selbst eingeschlossen. Viel Koffein, viel Kohlensäure und Mate Tee aus Südamerika. Einige ekelt es vor dem Geschmack. Andere dagegen - Szene, Hacker, Piraten - erheben es in den Kultstatus.

Der Mann, der das alles möglich machte, heißt Freke. Vermutlich hätte »die Mate« auch ohne Freke Over ihren Weg nach Berlin gefunden - der Ex-Hausbesetzer und Getränkehändler in Berlin-Friedrichshain war aber nun mal der Erste, der sie in die Hauptstadt brachte. 1994 war das. Hans Sauernheimer hatte das Patent gerade verkauft und sein Geschäft dicht gemacht, weil er zu alt wurde. Loscher hatte angefangen, die Brause zu brauen, als ein DDR-Lkw Marke »Robur« auf den Platz in Münchsteinach fuhr. Nach Berlin kehrte Over mit 200 Kästen auf der viel zu kleinen Ladefläche zurück. »Da müsste ich heute noch den Führerschein für entzogen bekommen«, meint er. Im Berlin der Nachwendejahre rissen ihm vor allem Besetzerkneipen, illegale Clubs und die aufkommende Hackerszene mit Koffeindurst den Franken-Import aus den Händen. »Daraus ist es dann zum Selbstläufer geworden«, erklärt er.

1995 zog Over für die PDS ins Berliner Abgeordnetenhaus ein - und nahm Club Mate gleich mit. Seine Fraktion habe sie ins Landesparlament gebracht, betont er. Nicht die Piraten 2011. Und auch damals hätten die Kollegen von den Grünen schon eifrig mitgetrunken, sagt er. Aus Berlin ist Over weggezogen. Heute besitzt er ein Feriendorf in Brandenburg. Club Mate schaffte es aber nicht nur ins Abgeordnetenhaus, sondern auch auf fremde Kontinente. An der Stirnseite in Marcus Loschers Büro hängt eine Weltkarte. »Club Mate Worldwide« steht drauf. Gelbe Pinnnadeln stecken in den USA, Israel, Neuseeland, Südafrika oder Chile. In 38 Länder exportiert Loscher - das seien aber trotzdem nur drei Prozent des Gesamtumsatzes, betont Loscher.

Mit den Zahlen der ganz Großen kann die Brauerei nicht mithalten. Jährlich werden mehr als eine Milliarde Liter Cola in Deutschland abgesetzt. Loscher dagegen verkauft nach eigenen Angaben Flaschen im zweistelligen Millionenbereich, vor allem Berlin, in Hamburg, Bremen und NRW. Ausgerechnet das Herkunftsland Bayern aber ist noch ein weitgehend weißer Fleck.

Wirklich in die Karten schauen lassen will sich Loscher aber nicht. Eigentlich möchte er dieses Gespräch auch gar nicht führen. Nachahmer könnten aufgerüttelt werden. Die großen Konzerne hätten sicher schon Pläne in den Schubladen, vermutet er. Ob es für die Platzhirsche nicht am einfachsten wäre, den Familienbetrieb einfach aufzukaufen? Loscher überlegt lange. Andere hippe Brausen seien seit ihrer Übernahme tot, sagt er schließlich. So etwas funktioniere nicht. Vielleicht hofft er das auch nur.

Loscher kennt die Konkurrenzbrausen aus Mate-Blättern. Er kennt die Mate-Kaugummis, Zigaretten und die Schokolade. Auch deswegen braut er nebenher weiter Bier, erzählt er, während er durch den Betrieb führt. In der Halle neben ihm rattern Tausende Flaschen über Fließbänder. Nein, nur auf Club Mate setzen möchte er nicht: »Das wäre ja Selbstmord.«

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