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Das Wasser des Lebens

Liebe und Macht: Das Märchenstück »Der Schatten« von Jewgeni Schwarz

»Der Schatten des Menschen ist wie der Mensch noch einmal, aber ohne Farbe und Fleisch und Blut, ohne Knochen und Charakter, ohne Seele und ohne Herz. Was der Mensch tut, äfft er nach.« So weckte im Oktober 1952 der Student Friedrich Möbius Interesse am Theaterstück »Der Schatten« von Jewgeni Schwarz (s. »Zwischen Hörsaal, Kirche und Theater«, Leipziger Universitätsverlag 2012). Der spätere Professor für Kunstgeschichte in Jena flicht den Mimen Kränze und rezensiert kritisch. Gegen die zeitgemäße rationalistisch verflachende Mythos- und Märchenauffassung lobt er das mit »Phantastischem, Übersinnlichem, Zeichenhaftem« von Jewgeni Schwarz (1896-1958) 1940 geschriebene und vom Leipziger Laienspieltheater aufgeführte Märchenstück »Der Schatten« und lässt mich noch einmal zum Band »Stücke« greifen, den der Henschelverlag Berlin 1968 vom Leningrader Schriftsteller herausbrachte (Schutzumschlag und Einband von Lothar Reher und Einar Schleef).

Vergnügliche Lektüre: Jewgeni Schwarz übt sich in Sprachspielen, wenn Minister geheim in halben Worten miteinander sprechen, oder im Marionettenspiel, wenn sich ein Gelähmter von Lakaien seine Körperstellungen der jeweiligen Gemütslage anpassen lässt.

Der aufrichtige, kluge Christian Theodor steht zwischen der umschmeichelten Prinzessin und dem einfachen Mädchen Annunziata, die ihm das Todesurteil ankündigt, denn einem guten Menschen geht es meistens schlecht, vor allem wenn er die Prinzessin heiraten will.

Durch das Dämmerlicht und ohne Brille erscheint Christian Theodor sein Gasthauszimmer, in dem früher sein Freund Hans Christian Andersen gewohnt hat, wie umgewandelt, kein Traum, ein Märchen. In unserem Land, erklärt Annunziata, hat Dornröschen gelebt, vor kurzem ist sie gestorben, und im Haus gegenüber wohnt die Prinzessin. Nach dem Testament des Königs soll sie keinen dummen Prinzen heiraten, sondern in die Stadt ziehen und einen Mann suchen, der gut regieren kann. Dieses Testament zog Bankrotte und Sachwertverfall nach sich; Gold, goldene Uhren und Goldzähne wurden ins Ausland gebracht. Der Finanzminister verkaufte einem Geschäftsmann, der ihn vergiften wollte, das Gift und freute sich, obwohl seine Familie starb und seine Beine gelähmt wurden, über 200 Prozent Reingewinn. Hier kehrt die satirische Märchenkomödie für Erwachsene eine Zeitkritik hervor, die ich früher so nicht las.

Das Stück beleben Feinde des Gelehrten und verleugnende Freunde, Sängerin und Arzt, der Traum und Schatten Vettern nennt. Einst hatte er die Quelle des kohlensauren Lebenswassers entdeckt, das selbst Tote wieder lebendig macht, musste sie aber schließen, um nicht den Kurbetrieb zu gefährden.

Weil der Historiker Christian Theodor, wie gesagt, in die Prinzessin verliebt ist, befiehlt er scherzhaft, seinem an ihm klebenden Schatten, sich aufzuraffen und ihr zu folgen. »Er hat keinen Schatten mehr«, beklagt Annunziata das »allertraurigste Märchen«. Nach Adelbert von Chamissos »Peter Schlehmil« (1813) hat Hans Christian Andersen 1847 bekanntlich dieses Motiv behandelt. Bei ihm wird der Schatten Mensch und tritt als Herr auf.

Christian Theodor durchschaut nicht, wie sein eigener Schatten ihm zum Verhängnis wird, wie er skrupellos bei Hofe zu Macht gelangt und die Prinzessin überrumpelt, weil sie dem Schein mehr Glauben schenkt.

Der Gelehrte trägt den Kopf hoch und besteht auf der Wahrheit: Ein Schatten habe sich des Thrones bemächtigt. Entrüstet verlangt das Volk, ihn zu köpfen. Als sein Kopf fällt, trifft das auch seinen Schatten. Auf dem Throne sitzt ein Rumpf. Erschrocken besorgt der Finanzminister das Gegenmittel. Das Lebenswasser wird herbeigetragen, der verlorene Kopf wieder hingesetzt, wo er hingehört.

Mit Annunziata verlässt Christian Theodor das Land, seinen Schatten wieder unter und gegen sich - und mit Schmerzen beim Schlucken. Und selbst der böse, aus schlechter Absicht notgedrungen gut handelnde Finanzminister, eben gelähmt, springt umher.

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