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Genossen an der Wohnungstür

Bis zur Bundestagswahl will die SPD fünf Millionen Haushalten einen Besuch abstatten

Wenn in den kommenden Wochen ungebetener Besuch vor der Tür steht, handelt es sich nicht unbedingt um einen Staubsaugervertreter oder die Zeugen Jehovas, sondern immer öfter um einen Politiker. Die SPD hat angekündigt, in der heißen Wahlkampfphase vor allem in ihren einstigen Hochburgen Klinken zu putzen.

»Hallo, wir sind von der SPD«, säuselt eine Dame in die Gegensprechanlage. »Dürfen wir reinkommen und Ihnen drei kurze Fragen stellen?« Mit diesem Annäherungsversuch ziehen Sozialdemokraten in Gruppen von zwei bis drei Personen in den kommenden Wochen quer durch die Bundesrepublik, um Wähler zu werben. Frauen spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie sollen den ersten Kontakt herstellen, weil sie nach Meinung der SPD-Wahlkampfplaner im Unterschied zu männlichen Stimmen weniger Misstrauen wecken.

Die Parteispitze hat das Ziel ausgegeben, bis zur Bundestagswahl am 22. September fünf Millionen Haushalte zu besuchen. Um dieses Pensum überhaupt zu schaffen, dürfen die Besuche nicht allzu lange dauern. Pro Tag müssen mehrere Häuser abgeklappert werden, für die einzelnen Gespräche sind höchstens drei Minuten vorgesehen. Das wird den Bundestagskandidaten und ihren Helfern in speziellen Schulungen der Partei eingebläut.

Die Wahlkämpfer sollen die Menschen einfach nur kurz und knapp nach ihren Problemen und gewünschten Veränderungen fragen. Wichtig ist natürlich auch, dass man herausbekommt, ob der Gesprächspartner überhaupt wählen geht. Zum Abschluss drücken die Genossen ihren potenziellen Wählern neben dem SPD-Infomaterial noch kleine Geschenke in die Hand. Weniger Kreative verteilen Gummibärchen und Kugelschreiber, andere wollen laut SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles sogar Blumensamen oder selbst gemachte Marmelade unter das Volk bringen.

Die SPD hat sich die Kampagne von den US-Amerikanern abgeguckt. Vorbild ist Präsident Barack Obama, dem es mit seinem Team gelungen war, zahlreiche vorherige Nichtwähler zu mobilisieren. Der Demokrat hatte die Menschen über das Internet für seinen Wahlkampf begeistert und ihnen die Gelegenheit geboten, sich aktiv an der Kampagne zu beteiligen. Die direkte Ansprache von Wählern zu Hause war dann ein zentrales Element in Obamas Wahlkampf.

Dieses Ziel verfolgt nun auch der etwas weniger charismatische SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück - mit mäßigem Erfolg. Seine Partei ruft die Menschen auf ihrer Website dazu auf, ein Plakat zu spenden oder beim Tür-zu-Tür-Wahlkampf mitzumachen. Bisher haben sich rund 14 000 Freiwillige gemeldet. Nicht sonderlich viele, wenn man bedenkt, dass die SPD etwa 475 000 Mitglieder hat. Wie viele der Freiwilligen dann tatsächlich beim Haustürwahlkampf mitmachen, ist außerdem fraglich. Sicher ist hingegen, dass auch Steinbrück selber und andere SPD-Promis dem einen oder anderen Bürger einen Besuch abstatten werden.

Im Willy-Brandt-Haus ist man zu der realistischen Einschätzung gekommen, dass Stammwähler anderer Parteien auch durch einen kurzen Hausbesuch von Peer Steinbrück nicht sofort zu den Sozialdemokraten überlaufen werden. Die Aktion zielt vielmehr auf die wachsende Zahl von Wahlberechtigten, die unentschlossen sind, wem sie ihre Stimme geben wollen oder überhaupt nicht mehr wählen gehen. Das trifft auf nicht wenige frühere SPD-Anhänger zu, die die Sozialdemokraten in ihren einstigen Hochburgen zu finden hoffen. Tatsächlich dürften auch viele enttäuschte Sozialdemokraten wegen Gerhard Schröders Agenda 2010, Hartz IV und der Politik der Großen Koalition zur Linkspartei gewechselt sein. Doch das soll bei den Hausbesuchen nicht thematisiert werden. Über andere Parteien wird möglichst nicht gesprochen und diese werden laut parteiinterner Anweisung auch nicht schlecht gemacht. Das wirkt nämlich unsympathisch.

Die Wahlstrategen hoffen, dass sie mit netten Worten und Süßigkeiten an der Haustür insgesamt ihre Zustimmung bei der Bundestagswahl um ein bis zwei Prozentpunkte steigern können. Dann könnte die Partei es immerhin vermeiden, dass sie ihr bislang schlechtestes Bundestagswahlergebnis aus dem Jahr 2009 noch unterbietet. Für eine rot-grüne Mehrheit und den Traum Steinbrücks, Bundeskanzler zu werden, wären allerdings weitaus größere Zugewinne im Vergleich zu den derzeitigen Umfragen notwendig.

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