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Die zwei Körper der Repräsentanten

Früher galt: Wer krank ist, verliert die Macht. Doch das Reden über die Gesundheit von Politikern wandelt sich

  • Von Tom Strohschneider
  • Lesedauer: 3 Min.

Vor drei Jahren, die Finanzkrise hielt Europa noch weit mehr in Atem, machten Schlagzeilen über Wolfgang Schäuble die Runde. Der Finanzminister wurde als »Risiko« bezeichnet, er bewege sich »an der Grenze«, hieß es - und dabei ging es nicht um die Krisenpolitik des CDU-Politikers, sondern um seine Gesundheit: »Wie lange kann sich Deutschland einen kranken Finanzminister leisten?«, fragte »Bild«.

Kann sich eine Gesellschaft leisten, von Spitzenpolitiker zu verlangen, nicht krank zu sein - oder jedenfalls nicht darüber zu sprechen? So wie bei Heide Simonis, die ihre Brustkrebserkrankung verheimlichte und das später mit dem Hinweis begründete, sobald über die Krankheit eines Politikers geredet werde, »kann der eigentlich seinen Stuhl verlassen und rausgehen«. Was über das herrschende Bild vom »Volksvertreter« ebenso viel sagen würde wie über deren Selbstbild.

Aber: Ist es wirklich immer noch so, dass prominente Politiker ihre Gesundheit als Geheimsache behandeln, weil sie Machtverlust und schwindendes Ansehen fürchten müssen?

Schäuble galt als im Rollstuhl sitzender Minister eigentlich schon als lebendiger Widerspruch zu den überkommenen Vorstellungen von Stärke, Normalität und der Auffassung, die politische Szene sei ein hartleibiger Zirkus für Leute mit dampfrossartiger »Fitness«.

In Rheinland-Pfalz regiert seit Jahresbeginn mit Malu Dreyer eine Sozialdemokratin, die an Multipler Sklerose leidet. Als Jürgen Trittin vor einiger Zeit einen Herzinfarkt hatte, sorgte das in der Öffentlichkeit für ein reflektiertes und zurückhaltendes Echo. Die Behauptung, in der Politik dürften Alphatiere nun einmal keine Schwäche zeigen, war allenfalls eine Randnotiz.

Auch der Linksfraktionschef Gregor Gysi konnte relativ offen mit seiner Gesundheit umgehen. Als sich Oskar Lafontaine wegen einer Krebsdiagnose aus dem Bundestag zurückzog, war nicht die Krankheit selbst Gegenstand öffentlichen Redens, sondern der Vorwurf, ein Parteifreund habe sich darüber nicht angemessen und mit angeblichen Hintergedanken geäußert. In Bayern ist vor einem Jahr der Landrat von Ansbach wegen Parkinson zurückgetreten. Dass der CSU-Mann erklärte, die Welt bestehe nicht nur aus Politik, sorgte nicht mehr für jene Aufmerksamkeit, die das vielleicht noch vor einigen Jahren erzeugt hätte.

Dennoch gilt bis heute, in anderer Weise, was Ernst Kantorowicz über die »Zwei Körper des Königs« sagte: Politisches und natürliches Fleisch sind auch im Zeitalter demokratischer Repräsentation nicht dasselbe. Der Körper des Politikers wird einmal als quasi übernatürlicher (und damit nicht mit dem Vokabular der Krankheit beschreibbarer) Behälter angesehen, ohne den man Staat, Politik, Demokratie und so fort gar nicht sehen könnte. Er bleibt zugleich aber als das Private der in der Öffentlichkeit agierenden Politiker eine Tabuzone. Das betrifft Aussehen wie Sexualität - und immer noch die Gesundheit.

In Zeiten, in denen ein Politiker auf Beifall hoffen kann, wenn er erklärt, seine Ämter keinesfalls bis zur Rente auszuüben, wird sich die Frage nach der Gesundheit von Politikern aber mehr und mehr anders stellen. Noch jedoch ist der »alte Politiker« nicht verschwunden, der es für normal hält, auch im Krankheitsfall Normalität spielen zu müssen.

Es ist ein Echo der Vergangenheit. Als Helmut Schmidt einen Herzschrittmacher bekam, wurde das als Staatsgeheimnis behandelt. Willy Brandts Depressionen waren erst für seine Biografen ein großes Thema. Wann immer sich eine Möglichkeit bietet, wird noch heute der Auftritt des von Prostataschmerzen gepeinigten Helmut Kohl auf dem berühmten »Putschversuch-Parteitag« der CDU 1989 als Beispiel dafür angeführt, wie sehr Politiker trotz schwerer Krankheit um ihre Macht kämpfen.

Nachfolgende Generationen von Politikern sind davon freilich nicht unbeeinflusst. Der an Krebs erkrankte CDU-Politiker Wolfgang Bosbach hat einmal auf Frage geantwortet, was er getan hätte, wenn ihm die Mediziner zum Aufhören geraten hätten: »Dann hätte ich den Arzt gewechselt.« Matthias Platzeck hat mit seiner Entscheidung anderes Format bewiesen. Das der Zukunft.

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