Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Keiner Schuld bewusst

HSH-Banker vor dem Hamburger Landgericht sind empört über die Anklage

  • Von Reinhard Schwarz, Hamburg
  • Lesedauer: 3 Min.
Millionen versenkt, aber es war angeblich alles in Ordnung. So verteidigten sich die HSH-Manager am Montag vor dem Hamburger Landgericht, wo sie der Untreue und einige von ihnen auch der Bilanzfälschung angeklagt sind. Auch der ruinöse »Omega 55«-Deal galt demzufolge als »strategiekonform«.

Am zweiten Verhandlungstag im Hamburger Prozess gegen ehemalige Vorstandsmitglieder der HSH Nordbank äußerten sich am Montag erstmals drei der sechs Angeklagten. Während der frühere Vorstandschef Dirk Jens Nonnenmacher sich wortkarg präsentierte, hielt sein Vorgänger Hans Berger einen regelrechten Vortrag in eigener Sache. Dabei unterstrich er, dass er »in keiner Weise an der Vorbereitung des ›Omega 55‹-Geschäfts beteiligt war«. Als »Omega 55« bezeichneten die Banker eine Finanzoperation, die gemeinsam mit der französischen Großbank Banque National de Paris Paribas (BNPP) eingefädelt wurde. Doch der Deal ging bekanntlich schief, die Mehrheitseigner Hamburg und Schleswig-Holstein mussten und müssen weiterhin mit zehn Milliarden Euro bürgen. Die Nordbank wurde mit 30 Milliarden Euro aus dem Finanzmarktstabilisierungsfonds (SoFFin) gerettet. Der Bank selbst entstand laut Anklage ein Schaden in Höhe von 157 Millionen Euro.

Mit tonloser, fast depressiv klingender Stimme verlas Ex-Bankchef Berger seine Verteidigungsschrift. »Der von der Staatsanwaltschaft erhobene Vorwurf, man hätte persönliche Ziele verfolgt, ist nicht richtig.« Die gesamte Bankspitze hätte das »Omega 55«-Geschäft abgesegnet. »Es handelte sich somit nicht um einen Alleingang des Vorstandes«, betonte Berger, der seine Karriere 1968 als Banklehrling bei der Kieler Spar- und Leihkasse begonnen hatte. Auch der Aufsichtsrat des Geldinstituts sei informiert gewesen. Er selbst habe »keinen Anlass gehabt, die Richtigkeit des Geschäfts zu hinterfragen«.

Die Öffentlichkeit bekam zwar einen ungefähren Einblick in interne Bankabläufe, erfuhr, dass es Vorstandsbeschlüsse ohne Zeitvorgaben sowie Eilbeschlüsse gibt, doch warum die Nordbank fast kollabiert wäre und mit Abermillionen Steuergeldern gerettet werden musste, gab Berger nicht preis. Eines versucht er auf jeden Fall klarzumachen: An ihm lag es nicht. Auch Hans-Joachim Friedrich kann für sich keine Schuld erkennen. »Das vierjährige Ermittlungsverfahren war für mich und meine Familie sehr belastend«, beschwert sich der ehemalige Vorständler. Den Inhalt der Anklageschrift bezeichnete er als »empörend«. Das »Omega 55«-Geschäft sei »vorteilhaft und strategiekonform« gewesen, beharrt Friedrich: »Hätte ich Zweifel gehabt, dann hätte ich dieses Geschäft nicht genehmigt.« Bis heute halte er seine »Genehmigungsentscheidung für richtig und verantwortlich«, sagte der frühere Kapitalvorstand der HSH, der auf eine internationale Karriere unter anderem bei der amerikanischen Großbank JP Morgan Chase & Co. zurückblicken kann. Derzeit muss Friedrich kleinere Brötchen backen, arbeitet unter anderem als Unternehmensberater.

Dirk Jens Nonnenmacher, von November 2008 bis 31. März 2011 HSH-Chef, äußerte sich nur zu seiner Person. Er übernahm die Leitung der Bank, nachdem sein Vorgänger Berger am 18. November zurückgetreten war. Deutlich wird: Quereinsteiger Nonnenmacher, der als Mathematikprofessor in die Finanzwelt gelangte, unterscheidet sich deutlich von den beiden Angeklagten, die sich bisher geäußert haben, die eine klassische Banklehre absolvierten und über zusätzliche Ausbildungsgänge die Sprossenleiter nach oben geklettert sind. Auch das Medieninteresse richtet sich hauptsächlich auf ihn, der gern als »Dr. No« bezeichnet wird, in Anspielung auf sein bankinternes Unterschriftskürzel »No« und den gleichnamigen »James Bond«-Bösewicht.

Nachdem der Vorsitzende Richter Marc Tully die Anträge der Verteidigung, die die Zusammensetzung des Gerichtes gerügt hatte, als »unbegründet« abgelehnt hatte, kam er den Anwälten zumindest mit einer persönlichen Geste entgegen, sprach von einem »offenen Dialog«. Einer der Anwälte suchte aber lieber die Konfrontation, antwortete kühl: »Die Strafprozessordnung kennt den Begriff des Dialogs nicht. Einen Dialog wird es nicht geben.« Der Prozess wird morgen fortgesetzt.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln