Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Verleugnete Vergangenheit

Das südbadische Lörrach wirkt heute interkulturell - doch das war nicht immer so

Die Stadt Lörrach in Baden-Württemberg ist vielerorts ein Begriff. Ihre pittoresken Märkte, eine hervorragende Küche und das Stimmen-Festival haben Lörrach weithin bekannt gemacht. In einer Ausstellung wird nun ein Teil der Stadtgeschichte präsentiert, den man in Lörrach lange Jahre nicht wahrhaben wollte.

Lörrach, die Große Kreisstadt, die heute 49 000 Einwohner zählt und direkt vor den Toren Basels im Dreiländereck Deutschland, Frankreich und der Schweiz liegt, sieht sich als kulturelles und wirtschaftliches Zentrum der ganzen Region. Hier denkt man nicht deutsch, schweizerisch oder französisch, sondern regional, heißt es auf den einschlägigen Werbeplattformen.

Aber das war auch in dieser deutschen Stadt nicht immer so, wie eine aktuelle Ausstellung im Dreiländermuseum zeigt: Auf rund 400 Quadratmetern wird dort noch bis zum 13. Oktober die Ausstellung »Lörrach und der Nationalsozialismus« präsentiert. Bereits 1933 übernahm der überzeugte Nationalsozialist Reinhard Boos das Amt des Bürgermeisters. Boos spielte zusammen mit der übrigen Stadtverwaltung in der Zeit bis zum Jahr 1945 eine verhängnisvolle Rolle in Lörrach, lautet ein wichtiges Ergebnis eines dreijährigen Forschungsprojektes des Freiburger Historikers Robert Neisen im Auftrag der Stadt Lörrach. Das ist genau das Gegenteil zu dem Bild, welches Boos und andere Lörracher Chronisten in der Nachkriegszeit über Jahrzehnte aufrecht erhalten konnten, nämlich dass Boos ein vergleichsweise humaner und gemäßigter Vertreter der NS-Nomenklatura gewesen sei.

Genau 80 Jahre nach der Machtübertragung werden dieses und andere Forschungsergebnisse nun im Dreiländermuseum der Öffentlichkeit vorgestellt. Auf übersichtlichen Schautafeln sind - in verständlicher Form auch für den Laien - Neisens wichtigste Erkenntnisse zusammengefasst. Zahlreiche Originale vermitteln einen realistischen Eindruck über den Alltag in der Stadt. Thematisiert wird darüber hinaus auch die Nähe zur Schweiz und zum »Roten Basel«, das zum Fluchtpunkt vieler Verfolgter des NS-Terrorregimes wurde. Wie kaum an einem anderen Ort in Deutschland sahen sich die Nationalsozialisten in Lörrach an der Schweizer Grenze unmittelbar einem Land und einer Bevölkerung gegenüber, die nicht ihrem Herrschaftsbereich unterworfen waren.

Der anfänglichen Popularität des Nazi-Regimes in Lörrach sehr abträglich war - auch dieses Thema ist in der Ausstellung präsent - das erbärmliche Erscheinungsbild der Lörracher NSDAP und das Verhalten der örtlichen Parteigenossen. Betrunkene SA-Mitglieder verprügelten öffentlich zufällig daher kommende Passanten, Motor-Standarten der Partei bezahlten ihre Benzinrechnungen nicht und Parteifunktionäre schmuggelten große Mengen Kaffee über die Grenze.

Auch und vor allem Bürgermeister Boos verhielt sich nicht gerade, wie man es von lokalen Honoratioren erwartet. Er stellte seinen schwer kriminellen, neunfach vorbestraften Schwager und SA-Veteranen als Hilfsfeldhüter an. Die von Boos als Ratsherren eingesetzten »alten Kämpfer« missbrauchten ihre Macht dazu, Frauen sexuell zu belästigen und städtische Gelder zu veruntreuen, was Boos stets deckte. Die Zustände unter den Nationalsozialisten seien »schlimmer als unter den Roten« äußerte denn auch eine unvorsichtige Passantin aus Lörrach-Brombach, die dafür von Boos angezeigt wurde.

Der Autor Rolf Hochhuth vermutet in seinem Roman »Eine Liebe in Deutschland«, dass Boos im Zweiten Weltkrieg die Hinrichtung des polnischen Zwangsarbeiters Stanislaus Zasada mit Blick auf die Stimmung in der Bevölkerung in einen außerhalb Lörrachs liegenden Steinbruch verlegte.

Dennoch, wie überall sonst in Deutschland auch: Die Verfolgung und Ermordung von sogenannten »Asozialen«, von Juden und anderen Gruppen fand bis zum letzten Tag auch in Lörrach einen wichtigen Rückhalt in der Bevölkerung. Das gilt auch für die Kriegspolitik der Nazis.

Nach dem Krieg gab Boos zu seiner Rechtfertigung an, er habe sich angesichts der Fragestellung »Bolschewismus oder Deutschland als Sozialist und Deutscher für Deutschland und die NSDAP entschieden«. Im Jahre 1959 gelang es ihm noch einmal - disemal für die Freien Wähler - in den Gemeinderat zu kommen. Zunächst war er Nachrücker, dann jedoch wurde er Fraktionsvorsitzender. Nach anfänglichem Zögern stimmte der Gemeinderat der Aufnahme auch seines Porträts in die Galerie der Bürgermeister und Oberbürgermeister im Lörracher Rathaus zu.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln