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Die Untergangart

»In Agonie« von Miroslaw Krleza - am Residenztheater München. Regie: Martin Kusej

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.

Drei Farben. Erst das Schwarz; dann ein Kriegsleichendunkelgrün; dann alles in Weiß.

Erst also eine nächtliche, finstere, sessel- und stuhlvolle Salonszene als Familiengruft, in der das familiäre Jubiläumsfest des erfolgreichen Bankherren Glembay tödlich endet. Denn der nach langer Zeit heimkehrende Sohn sorgt für unliebsame Rechnungslegungen wider alle präsentierte Wohlanständigkeit. Das ist das Stück »Die Glembays«, spielend am Vorabend des Ersten Weltkrieges.

Dann eine dreckig-grüne Front-Szenerie. Ein Trupp von k.u.k.-Soldaten, einquartiert in einer zerbombten Schule, darbend im Willkürgriff ihrer Offiziere. Ein Kadett muss eine alte galizische Frau aufhängen. Er wird geradezu wahnsinnig daran, diesen Befehl nicht verweigert zu haben. Der Mensch zwischen dringlichem Gebot, »Nein!« zu sagen, und jener Feigheit, die ihm das Leben rettet. Das ist das Stück »Galizien«, spielend mitten im Ersten Weltkrieg.

Dann ein leerer weißer Raum. Frieden ist Leere und Kapitulation. Wer k.u.k.-Offizier war, ist überflüssig geworden, und dieser hier ist nicht wendig genug für neue Berufssparten (wie nicht jeder Genosse wendig genug war, über Nacht vom Feind des Kapitalismus zum Unternehmensberater zu werden). Also tut er, was er kann: Er spielt und trinkt. Und erschießt sich, als ihm seine Frau kein Geld mehr gibt. Endlich ist sie frei für den Geliebten. Der leider die neue Zeit begriffen hat: nur keine Festlegung, was Menschen betrifft - am stärksten ist der Mächtige allein. Das ist das Stück »In Agonie«, spielend nach dem Ersten Weltkrieg.

Das letztgenannte Werk gab der sechsstündigen Trilogie am Residenztheater München den Titel. Intendant Martin Kusej (Bühne: Annette Murschetz) inszenierte drei Schauspiele des kroatischen Autors Miroslav Krleza (1893 bis 1981). Drei Stücke über drei Zeiten, die zum Ersten Weltkrieg gehören. Das Davor, das Während, das Danach. Die Katastrophe als Sog, die Katastrophe als mahnendes Lehrstück, die Katastrophe als - neuerlicher Sog. Das Elend des Menschen besteht in der Selbstlüge, seine Überlebenskräfte beim geschichtlichen, sozialen Zerfleischen unbedingt für einen Ausdruck der Vernunft zu halten.

Aber diese Trilogie offenbart, dass ein ständisches Ganzoben ohne den Höllensturz ins Verbrechen nicht zu halten ist. Adel gebiert Kriminalität, weil er Produkt von Aneignungskriminalität ist. Bürgertum gebiert Kriminalität, weil Konkurrenz ohne Vernichtung keine wäre. Militär gebiert Kriminalität, indem Befehlsgehorsam in fremdes Fleisch und Blut getrieben wird wie ein schlachtendes Messer.

Krleza, der Dichter aus Zagreb, lebend zwischen Monarchie und Tito, wirkt wie ein südosteuropäischer Bruder von Strindberg oder Schnitzler - nur drückt er seine Figuren geschwinder, weit entkernter und entseelter ins Schandurteil; hier ist Stoff nicht eine schweifende Entfaltung, sondern eine geradezu standrechtliche Verhandlung und Kaltmachung. Der Blick in die Frühe des 20. Jahrhunderts als Blick in eine fatale Gegenwärtigkeit. Konzerne und Banken als moderne Urstätten des Raubs und anderer Rechtsbrechungen. Der Gehorsam als Schule der Unterwürfigkeit - und eine Moralentwicklung, die den wahren, konsequenten, frontalen Widerständler mehr und mehr mit dem Bann des Störenfrieds, der Idiotie, des Querulantentums und der fehlgeleiteten Eitelkeit belegt. Und schließlich eine Partnerschaftsphilosophie, die Unverbindlichkeit, nutzbringenden Wechsel und folgenlose Flexibilität zu bevorzugten Techniken erklärt.

Vom Thema zum Theater: Mit Martin Kusej ist etwas geschehen, und Fragen kreisen durch den Sinn. Was erweicht uns? Was nimmt uns die Aggressivität? An welchem Punkt wird Milde eines Menschen zum Makel? Denn: Dieser Regisseur besaß in vielen Inszenierungen eine heftig keilende, klotzige Kraft, sein Geist hatte Muskeln, die stampften auf für theatralische Beben. Wenn er hier eine Krieg-Szene unter Regen und geradezu lüsterner Lethargie baut, hallt dieser Schlag des früheren Hammerherzens noch nach. Aber umrahmt ist das diesmal von merkwürdig bleiernem Gleichmaß. Auch schauspielerisch.

Freilich hat allein die Dauer von sechs Stunden eine Eigen-Macht, die jeden Einwand auch gleich wieder aufhebt. Denn besagtes Gleichmaß ist immerhin eines der ans Heute mahnenden Bedrückung, die in geplünderten und erschöpften Seelen Raum greift, dann, wenn die politischen, sozialen, ethischen Ideen dem Schlussverkauf überstellt werden.

Aber eben: ein langer Abend mit Textaufsagungstendenzen. Ein Motor der A-Klasse dreht sich mit der Eleganz der Routine. Solidität im Dienste einer Weltabsage: Manfred Zapatka, Sophie von Kessel, Johannes Zirner, Jens Atzorn. Als Kadett im Kriegsdreck überzeugt Shenja Lacher mit der weidwunden Expressivität eines Menschen, der sich nicht von seinem Charakter trennen will und darüber zur schreiend verlorenen Kreatur wird. Norman Hackers perverser Oberleutnant aalt sich in versoffenem Zynismus, als dränge sein Ehrgeiz, in Bildern von George Grosz und Otto Dix verewigt zu werden. Götz Schultes kriegslos gewordener Offizier, im letzten Stück der Trilogie, bibbert sich in die Skizze eines psychisch Wirren hinein, der um einen Lebenssinn winselt, den es schon nicht gab, als er noch meinte, ihn in Straffheit und Stiefelschritt gefunden zu haben. Britta Hammelstein als seine Frau wandelt als kühl-unglückliche Ausgenutzte zwischen weißen Wänden, spielt im sich senkenden Dunkel der Szene verführerisch kopfnah mit jener Pistole, mit der sich ihr Mann erschoss. Markus Hering war auf differenziert komische, eisige Art ihr windiger Geliebter, dem jede Nähegeste in berührungsfeigen Hampelarmen erfriert.

In Agonie. Da sind doch wir, oder? Privatpersonen, Gemeinschaftsstümper. Beheimatet in jener Verlassenheit von allen guten Geistern, die keinen Weltkrieg mehr braucht, um wirklichen Frieden für erledigt zu halten.

Nächste Vorstellungen in der neuen Spielzeit.

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