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Sportabitur - nichts für jedermann

Erfahrungen aus Niedersachsen

Schüler, die Sport als Abiturprüfungsfach wählen, müssen sich oft gegen Vorurteile behaupten. Viele Eltern glauben auch, Sport als Schwerpunktfach verringere die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Ein Bericht aus Niedersachsen, wo das Sportabitur seit Jahren möglich ist.

13 Jungen und fünf Mädchen verteilen sich auf drei Quadrate auf dem Kunstrasenplatz am Jahn-stadion. Die außen platzierten Jugendlichen spielen sich Fußbälle zu, andere Spielerinnen und Spieler versuchen von innen her zu stören. Wir befinden uns im Unterrichtsmodul »Grundlagen der Trainingslehre und Schnelligkeitstraining« einer elften Jahrgangsstufe des Göttinger Felix-Klein-Gymnasiums. Die 18 Jugendlichen im Alter von 16 bis 17 Jahren werden von Martin Lindemeier angeleitet. Im kommenden Jahr steht ihre Abiturprüfung an. Alle haben Sport als erstes Prüfungsfach gewählt.

»Sport als Abiturprüfungsfach hat in Niedersachsen eine lange Tradition«, sagt Susanne Schrammar, Pressesprecherin des Niedersächsischen Kultusministeriums. »Schon mit der Einführung der ›Reformierten Oberstufe‹ in den siebziger Jahren war das Prüfungsfach Sport vorgesehen. Das Leistungskursfach Sport wurde einigen Schulen auf besonderen Antrag genehmigt.« Das mündliche Prüfungsfach Sport - bis 2007 als viertes Prüfungsfach, ab 2008 als fünftes Prüfungsfach - kann von den Schulen nach eigener Entscheidung angeboten werden, erklärt Schrammar.

Doppelte Wertung

Seit Neuordnung der gymnasialen Oberstufe 2006/07 ist es in Niedersachsen möglich, Sport als eines von fünf Abiturprüfungsfächern zu wählen. Das Zentralabitur wurde bereits ein Jahr zuvor bindend. Im ersten bis vierten Prüfungsfach findet eine schriftliche, im fünften Prüfungsfach eine mündliche Prüfung statt.

»Wer Sport als erstes Prüfungsfach wählt, muss als zweites Prüfungsfach eine Naturwissenschaft wählen«, erklärt Lindemeier. »Bei Sportlern ist Biologie beliebt, weil hier wichtige medizinische und physiologische Aspekte vermittelt werden.« Die ersten beiden Schwerpunktfächer fließen mit doppelter Wertung in die Abiturnote ein.

Schüler, die Sport als Abiturprüfungsfach wählen, müssen sich gegen doppelte Vorurteile behaupten. Außenstehende unterstellen ihnen, sie wollten nur billig an eine gute Note kommen und sich vor anspruchsvollen Fächern drücken. Viele Eltern glauben auch, Sport als Schwerpunktfach verringere die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. »Das Gegenteil ist häufig der Fall«, meint Lindemeier. Er unterrichtet Sport und Englisch in der Oberstufe am Felix-Klein-Gymnasium und nimmt Abitursportprüfungen ab.

»Die Werte, die die Schülerinnen und Schüler im Sportunterricht lernen, können sie mit Gewinn auf andere Lebensbereiche übertragen«, sagt Lindemeier und ergänzt: »Durchdachte Planung, Zeiteinteilung, Disziplin, gesunder Lebensstil, Fairness und gesunder Egoismus wirken sich nicht nur im Sport vorteilhaft aus.«

»Im Schwerpunktfach Sport erwerben die Schüler Kenntnisse, die sie auch sonst sinnvoll nutzen können«, glaubt auch Mario Vehring, Lehrer und Sportobmann am Göttinger Max-Planck-Gymnasium. Über eines sollten sich die Schüler aber im Klaren sein. »Der Aufwand, den sie im Schwerpunktfach Sport leisten müssen«, so Vehring, »ist deutlich höher als in anderen Fächern. Damit die Sportabiturler richtig einschätzen können, was auf sie zukommt, ist in der zehnten Jahrgangsstufe ein halbes Jahr Sporttheorie vorgeschrieben.« Hier werden sie in wissenschaftliches Arbeiten eingewiesen. Ferner benötigen sie eine sportärztliche Tauglichkeitsbescheinigung.

Die letzten beiden Schuljahre sind in vier Semester aufgeteilt. Im ersten Semester lernen die Schüler Bewegungsanalysen, Biomechanik und das Zusammenwirken von Nerven und Gehirn. Im zweiten Semester werden Grundlagen, Steuerung und Planung des sportlichen Trainings vermittelt. Sport und Gesellschaft lautet das Thema des dritten Semesters und um besondere Aspekte des Sports geht es im letzten Semester.

Für Schwerpunkt- und Kernfächer schreibt der Lehrplan in der Oberstufe vier Unterrichtstunden pro Woche vor. Beim Prüfungsfach Sport sind es sogar fünf Stunden, bestehend aus Theorieblöcken und praktischen Übungen.

5,57 Prozent der Schüler

»Der erhöhte Zeiteinsatz zeigt, dass Sport nichts für Faulenzer oder Wegducker ist«, sagt Lindemeier. Bei der Abiturprüfung setzen sich die Ansprüche fort. Während andere Fächer nur schriftlich geprüft werden, ist die Sportprüfung umfassender. Einer mehrstündigen schriftlichen Klausur folgen drei praktische Prüfungen an drei unterschiedlichen Terminen. Geprüft werden eine Individual-, eine Spiel- und eine weitere Sportart, an die noch eine mündliche Prüfung gekoppelt ist.

2012 haben laut Susanne Schrammar 5,57 Prozent der niedersächsischen Abiturienten eine Prüfung im Fach Sport abgelegt. »Die Vorurteile von Sport als geruhsames Unterrichtsfach sind hartnäckig«, so Lindemeier. »Wir sind dabei, sie zu widerlegen.«

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