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Im Reisen daheim

Am Mittwoch wird der Schriftsteller Cees Nooteboom achtzig Jahre alt

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.
Aussicht vom Högon-Ji-Tempel auf den Biwa-See
Aussicht vom Högon-Ji-Tempel auf den Biwa-See

Das Foto zeigt die Aussicht von einem Tempel auf den Biwa-See. Japan. Eine Zwischenstation von Cees Nooteboom auf dem langen, schwierigen Saigoku-Pilgerweg. Dieser Pfad umfasst unwegsamste Gegenden und 33 buddhistische Tempel. Nun ist dieser Weg Buch geworden, mit Photographien von Simone Sassen und Texten Nootebooms. Diesem fortwährend Reisenden, der an seinen beständigen Fort-Bewegungen vor allem die Flüchtigkeit liebt.

Reisen. Lustvoll Fremder sein. Nooteboom weiß, Welt befahrend, um das Ungehörige einer Einmischung, der es doch bei aller Annäherungsmühe nie gelingt, feinere Nuancen einer Region zu erfassen und zu verstehen. Reisen, das ist Eindringen in andere Sphären, um Eindringlichkeit zu erfahren. Aber diese kommt doch stets »nur« von einer Reise ins eigene Innere.

Nooteboom weiß es, sein Werk lebt mit Freuden von des Autors Zerrissenheit zwischen Ausfahrt und Rückkehr, »zwischen dem Wieder-Finden und Wieder-Loslassen«. Wer reist, bekräftigt seine Position und seinen Willen, nirgends hinzugehören. Jenem Überall, wo der Umgetriebene sich aufhält, fehlt stets etwas - wer reist, ist also ein »Pilger des Fehlenden« (Nooteboom), und wer darüber schreibt, bleibt ein Porträtist der Verluste. Ehrlicher, wahrhaftiger ist vom Menschen nicht zu berichten.

Schon der erste Roman des 1933 in Den Haag Geborenen, »Philip und die anderen« (1955), ist ein Buch der Reise. Europa als eines Trampers Kontinent, wo das geliebt-geträumte Mädchengesicht gesucht, gefunden - und verloren wird. Das Gesicht, das dem Reisenden alles war und das es doch nie gab. Der Roman einer frühen Erkenntnis: Das Schöne ist eine Erfindung, der Wohlstand ist ein Feind der Fragen, das Paradies ist eine Lüge. Und wo eine höhere Idee zum Verweilen einlädt, ist Flucht angeraten.

Als sei Nooteboom seine eigene Romangestalt, ging auch er auf Reisen, heuerte als Matrose an, ging somit weg aus allem und wurde doch immer wieder eingeholt: vom Zwang zum Schreiben, dem er plötzlich nicht mehr zu genügen schien. Er litt. Er leugnete sein Talent. Der zweite Roman (»Der Ritter ist gestorben«) entsteht damals nur, um dem Widerwillen gegen die Literatur handfeste Nahrung zu geben.

Fast zwanzig Jahre wird er keinen Roman mehr schreiben. Aber Gedichte und poetische Reiseprosa. Nooteboom steigert sich so zum Dichter der Wirklichkeit, zum Erfinder der nachprüfbaren Wahrnehmungen - die nämlich im Moment ihres Niedergeschriebenseins von Verwandlung erzählen. Bilder werden Einbildung, ohne an Realität einzubüßen; Ereignis wird Idee, ohne dass sich Lebendigkeit verliert. Nooteboom, der heute in Amsterdam und auf Menorca lebt, ist fortan der große essayistische Spaziergänger der europäischen Literatur, dem jenes kontinentweite Unterwegssein, das Augen öffnet, doch eine stete Erfahrung von Geheimnissen bleibt. Als sei er ein Sendbote der deutschen Romantiker.

Erst 1980, mit »Rituale«, kehrt er zur geschlossenen Form zurück, porträtiert in diesem Roman einen Streuner der Moderne, der für sein Leben, mit asiatischer Gelassenheit, die ungefährdete, steigerungslose Mittellage wählt. In »Allerseelen«, diesem grandiosen Berlin-Roman, ist es der Filmregisseur Arthur Daane, der gehen und gehen und reisen und reisen muss, und jeder wirkliche Weg mit festem Boden führt ihn doch nur immer wieder zur Schicksalslinie seines Lebens - mit gehöriger Neigung zur Bodenlosigkeit.

Nooteboom ist ein Heitergeist der schmerzenden Seelen, die nicht in Erlösungshoffnung gesunden, aber in den Gewissheiten von einer nicht durchschaubaren, nicht rettbaren Welt zur Ruhe kommen dürfen. Heute wird der große niederländische Erzähler, dieser Kosmopolit mit unbezwinglicher Abseits-Leidenschaft, achtzig Jahre alt.

Cees Nooteboom: Saigoku. Auf Japans Pilgerweg der 33 Tempel. Photographien von Simone Sassen. Schirmer/Mosel Verlag München. 200 S., geb., 39,80 Euro

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