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Die Kehrseite der Utopie

Castorfs »Ring«-Abschluss: »Götterdämmerung« in Bayreuth

Allison Oakes als Gutrune und Attila Jun als Hagen
Allison Oakes als Gutrune und Attila Jun als Hagen

Kann man die Bewegungsform von Widersprüchen auf einen Nenner bringen, auf ein Bild hin inszenieren? Klar, kann man. Wenn man es kann. So wie Frank Castorf und sein kongenialer Bühnenbild-Erfinder Aleksandar Denić! Und kann man damit im Jahre 2013 die Wagner-Gemeinde in Bayreuth noch aus der Fassung bringen? Und wie man das kann! Castorf stellte sich einer trillerpfeifenden Wut, über deren bornierte Verbissenheit man dann doch verblüfft war. Wurde doch da jemandem ein zu nahes Verhältnis zum Sozialismus unterstellt, der dessen gescheitertes Utopieversprechen gerade gnadenlos zerlegt hatte.

Zugegeben: beim Umgang mit der Balance aus purer, oft detailliert ausgespielter Bühnen-Sinnlichkeit und intellektueller Herausforderung gibt es einen (kleinen) Ostbonus. Wenn sich etwa bei der wunderbaren Musik zu Siegfrieds Rheinfahrt auf der Drehbühne die Leuchtreklame »Plaste und Elaste aus Schkopau« ins Blickfeld dreht, dann steigt einem Anwohner der auch an Schkopau vorbeifließenden Saale ein ziemlich arteigen strenger Gestank der Erinnerung in die Nase. Und auch, wenn Alberich in einem Schlüpfer aufkreuzt, der in Buna hergestellt wurde, setzt das Assoziationen frei. Einem Großteil des Publikums müsste hier erklärt werden, was VEB und Buna heißt und wo Schkopau eigentlich liegt. Aber wieso eigentlich? Zum Glück gilt das nicht für alle. Es gibt auch hier genügend aufgeschlossene Wagnerianer mit Patrice Chéreau- und DDR-Erfahrung, die an der Verbindung von Bühne und Welt ihre Freude haben.

Da ist dieser Hinterhof, auf dem ein Stück Berliner Mauer, eine ärmlicher Obst- und Gemüse-Stand mit (natürlich) leeren Holzkisten und eine Döner-Bude vereint sind. Hier hat ein finster dreinblickender Hagen-Brutalo mit Irokesenkamm auf der Glatze und griffbereitem Baseball-Schläger das Sagen. Hier kreuzen aber auch ein Gunther mit Lederklamotten-Sexappeal und eine Gutrune mit Vorliebe für schicke Kleider und ihren neuen Minikleinstwagen immer mal auf. Nornen geistern wie wandelnde Müllberge herum.

Dieses Walhall geht natürlich nicht in Flammen auf (obwohl Brünnhilde einen Kanister Benzin verschüttet) oder als Bau spektakulär unter. Es bleibt was es ist - Fassade einer geschundenen Welt, in der man offenbar nur überlebt, wenn man bereit ist, sich zu verkaufen.

Castorf verweigert die Erlösungshoffnung. Konfrontiert uns mit einer Diagnose. Und tut keinen Moment so, als hätte er eine Lösung. Bei ihm ist im »Rheingold« die Route 66 ein erledigter Traum von Freiheit, wird in der »Walküre« die Kombination aus Sowjetmacht und Öl zu einem aserbaidschanischen Vorhof der Hölle, sind im »Siegfried« die Säulenheiligen des Weltkommunismus in Stein erstarrt und die Weltzeituhr am Alexanderplatz der Treffpunkt der Desillusionierten der Wende. In der »Götterdämmerung« schließlich wirft er einen erbarmungslos klaren Blick auf und hinter die finanzkapitalistische Fassade.

Dieser »Ring« knüpft in seinem intellektuellen Habitus durchaus an die epochemachenden kapitalismusanalytischen »Ring«-Würfe von Joachim Herz (in Leipzig) und Patrice Chéreau (in Bayreuth) aus den 1970er Jahren an. Er ist ästhetisch nicht so geschlossen, bezieht aber in grandiosen Teilbildern den Untergang des Sozialismus ein und ist global gedacht. Und er macht aus dem »Ring« wirklich mal wieder ein hochaktuelles, zeitrelevantes Kernstück in Richard Wagners Schaffen! Auch wenn Castorf nicht die erste Wahl der Wagner-Schwestern war - jetzt zeigt sich: Er war genau die richtige Wahl. Hoffentlich hat er Opernblut geleckt und macht weiter. Mit diesem »Ring« und mit der Oper.

Zumal auf diesem musikalischen Fundament! Wenn Kirill Petrenko bald seinen Chefposten in München antritt, dann kann er das mit dem Rückenwind eines Bayreuther »Ring«-Helden.

Alles in allem: Das Wagner-Jahr hat seinen Höhepunkt. Mit einem spannenden, hochpolitischen »Ring«. In Bayreuth!

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