Moral, Tugend, Furor

Renate Künasts »Veggie Day«

Gut sieben Wochen vor der Bundestagswahl haben die Grünen mit ihrer Forderung nach einem »Vegetarier-Tag« in öffentlichen Kantinen das Sommerloch mit einer weiteren Posse gefüllt. Publik wurde die Forderung, nachdem die Grünen-Politikerin Renate Künast öffentlich verraten hatte, was im Wahlprogramm ihrer Partei seit Monaten nachzulesen ist: »Öffentliche Kantinen sollen Vorreiterfunktionen übernehmen. Angebote von vegetarischen und veganen Gerichten und ein ›Veggie Day‹ sollen zum Standard werden.«

Dafür jetzt auf Renate Künast verbal einzuprügeln und ihr vorzuwerfen, sie und ihre Partei wollten den Menschen vorschreiben, wann sie was essen sollen, wie es Politiker der politischen Konkurrenz und die Boulevardpresse getan haben, ist billig. Manche Auswüchse des Tugendfurors sind durchaus partei- und milieuübergreifend. Die Missionare der »höheren Tugend« gewinnen langsam Oberhand. Auf Elternabenden in den Schulen legen Mütter und Väter Literaturlisten mit der Forderung nach Indizierung »antiemanzipatorischer« Bücher vor; literarische Text werden von »Beobachtern« nach rassistischen Wörtern durchforstet und tugendhafte Sprachverbote gefordert. Wobei die jeweiligen Gegenstände der Empörung durchaus kritisierenswert sind - sei es der exzessive Fleischkonsum, seien es diskriminierende Sprechweisen. Doch die Moral erhebt sich mittlerweile über die Kritik hinaus zum alles gleichmachen wollenden Tugendfuror.

Vielleicht - und das ist nur eine Hypothese - hat das mit dem Zurückdrängen der Religion aus dem öffentlichen Leben und Alltag zu tun. Möglicherweise ist es ein Urbedürfnis des Menschen, sich rituelle Selbstbeschränkung aufzuerlegen und seine Individualität einem Ganzen unterzuordnen. Wo aber etwa im Ritus der katholischen Kirche strenge Regeln an ein »gottgefälliges Leben« mahnten, ist in der säkularisierten Welt die Freiheit der Entscheidung getreten - und sei es die, sich wieder für die Unfreiheit der tugendhaften Moral zu entscheiden. Die Askese predigende Ideologie der Ernährungsapostel, Gesundheitspropheten und Sprachpuristen ist der wahre Protestantismus von heute. Die Entscheidung zu dieser Moral allerdings ist eine, die dem Zeitgeist folgen will, wohingegen in einer säkularisierten Gesellschaft ironischerweise die Unterwerfung unter religiöse (kirchliche) Moral zur bewussten Selbstdisziplin wird.

In George Orwells »Farm der Tiere« verlangen die zur Herrschaft gelangten Schweine den anderen Tieren selbstfreiwillige Unterwerfung unter die Regeln der Tugend mit dem Argument ab, dies diene dem Erreichen des höheren, wenn auch noch fernen Ziels der Vervollkommnung der Tiere. »Schweine«-Diktator »Napoleon« wird gepriesen als Diener am Volk, der die Mühsal von Herrschaft aus Liebe am Volk auf sich nimmt.

Der Publizist Peter Seewald hat 1996 den damaligen Kardinal Joseph Ratzinger interviewt. »Freiheit«, so Ratzinger im Gespräch, »verlange das Dienen«. Wenn es die Bereitschaft nicht gebe, »sich einem erkannten Ganzen unterzuordnen und sich selber in Dienst nehmen zu lassen, dann kann es keine gemeinsame Freiheit geben«. Was ihn von den Tugendmissionaren unterscheidet, ist die sich dem Appell nach Unterordnung anschließende und in ihrem Machtanspruch selbst beschränkende Erkenntnis, dass Tugenden missbraucht werden können, »indem man sie einem falschen System zuordnet. Sie können eben nicht rein formal in sich gut sein, sondern sie sind es in Verbindung mit dem Wofür, dem sie zugeordnet sind.«

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