Ausweitung der Schmuddelzone

Nach der Veröffentlichung der Dopingstudie wird immer lauter ein Antidopinggesetz gefordert

Die Abschlussberichte der Studie »Doping in Deutschland von 1950 bis heute« sind seit Montagabend offen zugänglich. Die Stimmen für ein Antidopinggesetz und die Nennung der Verantwortlichen mehren sich.

Das Bild, das sich aus den jetzt veröffentlichten sechs Dokumenten mit insgesamt 501 Seiten der Studie »Doping in Deutschland von 1950 bis heute« ergibt - die »Süddeutsche Zeitung« hält noch einen 800 Seiten starken, allerdings vorläufigen Bericht im Köcher - ist klar. Wissenschaftlich ist nun abgesichert: In weiten Teilen des BRD-Leistungssports wurde ähnlich intensiv gedopt wie in der DDR. Olympiakader in Leichtathletik und Rudern, aber auch Fußballer und Hockeyspieler wurden wahlweise mit Aufputschmitteln und Muskelwachstumsbeschleunigern bedient. Die Sportwissenschaft stellte in den 80er Jahren Studien zu Testosteron, Wachstumshormon und Epo an. Der Unterschied zum Staatsdoping der DDR scheint nur graduell, was die Differenzierung der Wissenschaftler in »systemisches Doping« im Westen und »systematisches Doping« im Osten belegt.

»Wie ein Bänker in der Wirtschaftskrise« fühlt sich daher der Berliner Diskuswurf-Olympiasieger Robert Harting. Nach der Ausweitung der Schmuddelzone über den Radsport und die DDR hinaus befindet sich nun der gesamte Leistungssport in einer Glaubwürdigkeitskrise, die der der Banken seit 2008 tatsächlich verteufelt ähnlich sieht. Harting etwa fordert kurz vor der am Samstag in Moskau beginnenden Leichtathletik-WM »fünfjährige Sperren für Doper«. Für eine »Ausweitung der Verjährungsfrist für Doping von derzeit acht Jahren auf 20 Jahre« plädierte Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. Auch die Stimmen für ein Antidopinggesetz - dafür legt sich etwa Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) ins Zeug - erhalten neuen Aufschwung.

Im bundesdeutschen Sport bewegte man sich offensichtlich stets auf Höhe der aktuellen medizinischen Forschung. Das durchaus vorhandene Unrechtsbewusstsein führte zu diversen Verschleierungsversuchen, die bis in die Gegenwart reichen. Es lässt sich eine Linie von im Krieg erprobten Aufputschmitteln wie Pervitin in den 50er Jahren über Anabolika-Doping seit 1959, Testosteronforschung in den frühen 80er Jahren und Epo-Versuche ab 1988 ziehen. Als Schlüsselfigur der Anabolika-Ära hat sich der Freiburger Sportmediziner Professor Dr. Joseph Keul herauskristallisiert. Seine Doktoranden etablierten später auch das Blutdopingprogramm beim Radrennstall Team Telekom. Über jene Jahre nach der Wiedervereinigung konnten die Wissenschaftler aus Berlin und Münster kaum forschen. »Es fehlte Geld, um weiter zu sichten«, so der Berliner Forschungsleiter Giselher Spitzer.

Die sportpolitische Sprecherin der Grünen, Viola von Cramon, erwartet jetzt vom Deutschen Olympischen Sportbund »einen angemessenen Finanzierungsbeitrag zur Forschung ab 1990«. Dies dürfte pikant werden. Die Forscher haben Hinweise, dass ab 1990 nicht nur Gelder zur Epo-Forschung bereitgestellt wurden, sondern diese auch - für öffentliche Finanzierung unüblich - auf Privatkonten ausgezahlt wurden. Dies diente »eher der Kaschierung als der transparenten Gestaltung der Mittelverwendung und einer differenzierten Rechenschaftslegung«, vermuten die Historiker.

Der Dopingsumpf ist offensichtlich noch tiefer als bislang angenommen. Und bei der Vertuschung von Sportbetrug wurden weitere Delikte wahrscheinlich billigend in Kauf genommen. Geradezu zwangsläufig ist daher die Forderung der Vorsitzenden des Sportausschusses im Bundestag, Dagmar Freitag, »alle Namen zu nennen«. Die Politik habe »ein Anrecht darauf, mehr zu erfahren, auch um die richtigen Lehren für daraus zu ziehen«, sagte die SPD-Politikerin. Sie verwies mit Blick auf die Aufarbeitung der Stasi-Unterlagen auf »gleiche Maßstäbe in einem Rechtsstaat«.

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