Schauriges Geheul, düsteres Gewisper

Die singuhr-hoergalerie verabschiedet sich aus dem Wasserspeicher

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.

Die singuhr-hoergalerie ist deutschlandweit die einzige Projektgalerie zur Präsentation ausschließlich von Klangkunst. Im Wasserspeicher an der Belforter Straße und Diedenhoferstraße in der Nähe des Käthe-Kollwitz-Platzes gibt sie jetzt ihre Dernière. Sie fährt noch einmal neue akustische Raffinessen aus internationaler Künstlerhand auf.

Für den Großen Speicher mit seinen konzentrischen Ringen mixt der Brite Max Eastley unter dem Titel »Aeolian Circles« separat erzeugte Klangwelten. Auf dem Dach seines kleinen Speicherturms hat er eine Windharfe installiert, die aus zwei Bündeln wippender, aufnahmefähiger Stäbe besteht. Die Harfe sendet die Laute ihrer Umgebung, besonders aber das Windrauschen, in den Speicher, wo sich das Geräusch, verzögert um einen Hall von 18 Sekunden, im dunklen Raum ausbreitet, sich gewissermaßen durch die Ringe wälzt. Damit nicht genug, hat Eastley zusätzlich in zwei der Umgängen kinetische Objekte angebracht, die wie Mobiles funktionieren.

So fahren auf kleinem Podest drei Holzklötze um, zwischen denen ein Metallstab pendelt. Der Stab läuft in einer Sehne mit zwei Kügelchen, weiß und schwarz, aus. Je nachdem, wie der Windzug gerade geht, den etwa auch die Besucher entfachen, schlagen die Kugeln an ein oder mehrere Klötze und generieren dadurch ein klackendes Geräusch. Zweites Objekt sind dünne weiße Stäbe, an denen wiederum eine Kugel hängt.

Der ebenfalls von einem Motor bewegte Stab lässt nach dem Zufallsprinzip seine Kugel hellklingend gegen eine an der Wand arretierte Metallscheibe prallen, ein weiteres Geräusch. Drittes Objekt sind lange Blechbahnen, die ein Motor schüttelt, was sich wie Rauschen anhört. Aus dem differenzierten Eigenklang jener kinetischen Objekte und dem bisweilen wie ein Sturm durch die Ringe fegenden oder hochtönig pfeifenden Klang der Windharfe addiert sich so ein akustisches Gesamtbild von teils schaurigem Geheul oder düsterem Gewisper.

Aus der Historie der Astronomie bezieht Jens Brand seine Idee für den älteren Kleinen Wasserspeicher. Dessen kreisrunde Form inspirierte ihn zu einem Planetenmodell, wie es unter dem Namen Tellurium die Bewegung des Mondes um die Erde simuliert. Was im Kleinmodell schon seit Jahrhunderten existiert, übersetzt Brand nun in die Dimensionen der Industriekathedrale aus den 1850ern. In ihrem äußeren Gewölbegang zieht unter der Decke auf einer Metallschiene ein schwarzer »Planet« langsam seine Bahn.

Eine Stunde braucht er für eine volle Umrundung, erzeugt dabei sein Eigengeräusch, das über Mikrofone aufgenommen, per Lautsprecher verstärkt in den Raum geworfen wird. Im Zentrum des Speichers aber steht die eigentliche Planetenmaschine. Wiederum auf einer Laufschiene vom Durchmesser jenes Rondells dreht sich ein übermannshohes, in einem Gestell verankertes Halbrundglas, das als Spionspiegel bezeichnet und von einem Motor im Mittelpunkt angetrieben wird. Ihm arretiert sind eine Lichtquelle, die sukzessive den Raum ausleuchtet, und ein »Halbplanet«.

Alle drei Teile, Glasscheibe, Lichtquell, »Halbplanet«, drehen, mechanische Übersetzung mittels Zahnrädern macht es möglich, in verschiedener Geschwindigkeit; alle produzieren dabei Klang, der sich dem Geräusch des »Planeten« im Außenring überlagert. Wenn der Spionspiegel eben einen Teil der Mauer passiert, kommt es zu Rückkopplungseffekten von Dumpfklang. Läuft der Spiegel am Betrachter vorüber, erkennt er im Glas sich sowie einen Teil der Ringarchitektur hinter sich; befindet sich der Spiegel aber dem Besucher gegenüber, wird das Glas kurzzeitig intransparent. So formen sich außer Klangwolken auch ständig neue Sichtbilder, je nach individuellem Standpunkt des Gasts. Die Technik feiert auf diese Weise sich selbst.

Nach sieben Jahren sommerlicher Bespielung verabschiedet sich die singuhr-hoergalerie aus dem Wasserturm, kann mit rund 6000 Besuchern pro Saison eine passable Auslastung vorweisen. Die finanzielle Förderung, die das Bezirksamt Pankow künftig nur noch leisten kann, reicht für den Weiterbetrieb solch komplexer Vorhaben nicht mehr aus. Schon jetzt sind anstatt der etwa fünf Projekte jeden Sommer bloß zwei im Wasserturm möglich, will man die beteiligten Künstler nicht honorarlos arbeiten lassen. Was für die Zukunft bleiben wird: projektbezogene Installationen an ausgewählten Orten.

Bis 22.9., Belforter Straße/Diedenhoferstr., Prenzlauer Berg, Infos über www.singuhr.de

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