Doping-Schatten über der WM in Moskau

Der Leichtathletik-Weltverband lobt sich selbst, Weitspringer Christian Reif zweifelt an Usain Bolt

Angeführt von den Sprintern Tyson Gay und Asafa Powell sind vor der WM in Moskau Leichtathleten im Dutzend des Dopings überführt worden. Für den Weltverband IAAF ist das ein Zeichen der Glaubwürdigkeit, Kritiker erkennen darin einen Sumpf.

Die Hiobsbotschaften in Sachen Doping nehmen vor den WM in Moskau kein Ende. Neben dem Schock um die positiv getesteten Sprinter Tyson Gay (USA) und Asafa Powell (Jamaika) wurden reihenweise russische Leichtathleten aus dem Verkehr gezogen und zuletzt auf einen Schlag 31 Akteure aus der Türkei. Die iste der vom Weltverband IAAF vom 30. Juli ist damit auf rund 290 suspendierte und gesperrte Athleten angewachsen.

Die IAAF stellt sich auf ihrem Kongress in Moskau als Pionier des Kampfes gegen die Leistungsmanipulation dar. 1989 wurden Trainingstests eingeführt, 2001 Blutkontrollen. Seit zwei Jahren werden Proben von 2000 Athleten für den biologischen Blutpass gesammelt. Pro Jahr lässt sich die IAAF ihr Antidopingprogramm mit zwölf hauptamtlichen Mitarbeitern drei Millionen Dollar kosten.

»Die Schwimmer haben noch nicht einmal den Blutpass eingeführt«, sagte das deutsche IAAF-Councilmitglied Helmut Digel vor dem WM-Start am Samstag. »Welcher andere Verband zieht denn seine Topstars aus dem Verkehr?« Dass die Leichtathletik dafür nicht gelobt wird, sondern meistens in Misskredit gerät, findet Digel deshalb »lächerlich, jede Innovation kommt von der IAAF.«

Die IAAF will schwere Doping-Erstvergehen künftig wieder mit einer vierjährigen Sperre bestrafen. Dies beschloss der Verband am Donnerstag. Damit machen die Leichtathleten Druck auf die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA). Unter der Führung der WADA soll auf der Welt-Anti-Doping-Konferenz im November in Johannesburg der neue, vom 1. Januar 2015 an gültige Welt-Anti-Doping-Code verabschiedet werden. Die Verdoppelung des Banns ist vorgesehen, aber die Aufnahme in den Kodex noch nicht sicher.

Ex-Weitsprung-Europameister Christian Reif äußerte vor seinem Start in einem Interview sein Misstrauen. »Wenn ich davon ausgehe, dass alle Menschen sauber sind, dann würde ich vergessen, was in den vergangenen Wochen passiert ist«, sagte Reif der »Süddeutschen Zeitung« (Donnerstag) in Anspielung auf die gedopten Sprinter Asafa Powell und Tyson Gay. »Die positiven Fälle waren zwar nicht im Weitsprung, aber wenn ich sagen würde, das passiert nur im Sprint, nur bei Russen, Türken und Jamaikanern, dann würde ich auch annehmen, dass man nur in diesen Ländern Steuern hinterzieht und Ehen bricht«, sagte er.

Reif sagte, er verstehe die Zweifel an den Weltrekorden von Superrenner Usain Bolt. Dass der Jamaikaner dem Ansehen der Leichtathletik gut tut, glaube er nicht uneingeschränkt: »Ich persönlich könnte sehr gut auf Usain Bolt verzichten«, bekannte Reif. »Wenn man von dem ausgeht, was ich glaube, schadet er einfach zu vielen anderen Sportlern. Ich kann nicht sagen, dass er gedopt ist. Ich kann nur Vermutungen anstellen - und die teilen komischerweise sehr viele Menschen.« SID

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