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Erst mit dem Gesetz wurde die Stimmung so homophob

Klaus Heusslein, Vizepräsident des größten Schwulen- und Lesbensportverbandes Europas, über das russische Anti-Homosexuellen-Gesetz

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Seit März ist Klaus Heusslein Vizepräsident der European Gay & Lesbian Sport Federation (EGLSF), die 20 000 Mitgleider vertritt. Der 52-jährige Deutsche weilt derzeit mit Athleten bei den Outgames in Antwerpen, einem Sport- und Kulturfestival für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transpersonen mit mehr als 5500 Teilnehmern.

nd: Herr Heusslein, wir erreichen Sie in Antwerpen bei den Outgames, einem riesigen, alle vier Jahre stattfindenden Sport- und Kulturfest für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transpersonen (LSBT). Sind dort die russischen Anti-Homosexuellen-Gesetze und die Leichtathletik-WM ein Thema?
Heussler: Ja, natürlich. Zum einen gibt es hier eine Menschenrechtskonferenz, auf der das Thema ausführlich besprochen wurde. Wie kann es sein, dass die internationalen Sportverbände bei der Vergabe von Großereignissen kaum auf die Menschenrechte schauen? Es geht uns dabei nicht nur um die LSBT-Themen, sondern um das Thema Diskriminierung allgemein. Wieso werden Sportgroßveranstaltungen überhaupt an solche Orte vergeben? Zum anderen sind hier auch russische Teilnehmer am Start.

Können die sich in Antwerpen offen zeigen - ohne Angst vor Repressalien zu Hause?
Sie tun es einfach. Sie sind zu Recht der Meinung, dass ihre Handlungen im Ausland zu keinerlei Repressalien zu Hause führen dürfen. Ich habe Respekt vor diesem Mut, sich hier fotografieren zu lassen oder namentlich in Internetblogs zu erscheinen. Schließlich passieren in Russland derzeit ganz furchtbare Sachen mit Schwulen und Lesben. Wir kennen die Bilder von jungen Leuten mit blutigen Gesichtern, die verprügelt wurden für etwas, was in Deutschland niemand überhaupt beachten würde.

Woher kommen die Athleten?
Von unserem Mitgliedsverband in St. Petersburg, der aber landesweit vernetzt ist. Diejenigen, die ich hier getroffen habe, berichten, dass die Stimmung erst seit Juni mit dem neuen Gesetz so homophob geworden ist.

In Vancouver 2010 und London 2012 hatten die Schwulen und Lesben bei Olympia ihren eigenen Anlaufpunkt, das »Pride House«. Ist so etwas in Sotschi im Februar 2014 vorstellbar?
Wir arbeiten daran, gemeinsam mit den großen LSBT-Weltsportverbänden. Da eine offizielle Genehmigung dafür nicht vorstellbar ist, verhandeln wir mit verschiedenen Nationalen Olympischen Komitees, ob es möglich ist, in deren Olympia-Repräsentanzen Veranstaltungen abzuhalten. Womöglich klappt ja etwas bei den Holländern.

Planen Sie bei der Leichtathletik-WM irgendwelche Proteste?
Nein. Das Gesetz gibt es ja erst seit Kurzem, so schnell konnten wir da nichts mehr vorbereiten.

Was sollten Schwule und Lesben, die die Leichtathletik-WM in Moskau oder Olympia 2014 in Sotschi besuchen wollen, unbedingt beachten?
Immer die Gesetze anderer Länder respektieren! Wenn es das Gesetz vorsieht, dass zwei Männer nicht händchenhaltend über den Roten Platz spazieren sollen, ist es empfehlenswert, sich daran zu halten. Sonst bekomme ich zwar unter Umständen eine Riesenpublicity, aber auch mindestens eine blutige Nase. In Russland hilft das keinem, da sich die Russen als Großmacht wohl kaum in ihre Gesetzgebung hineinreden lassen werden.

Der britische Autor und Schauspieler Stephen Fry hat in einem Offenen Brief an das IOC zum Boykott aufgerufen. Was halten Sie davon?
Nichts. Mit Boykott wurde noch nie etwas erreicht. Besser ist es, präsent zu sein. Mit Offiziellen, Sportlern, Journalisten vor Ort Flagge zeigen! Wer soll schon etwas sagen, wenn ein Athlet im Olympischen Dorf seine Meinung frei verkündet? Kaum vorstellbar, dass dann die Polizei ins Dorf einrückt.

Wie wäre es mit einem schwulen Leichtathleten, der nach dem Medaillengewinn seinen Partner auf der Tribüne umarmt und küsst?
Das würde ich mir wünschen. Es wäre ein Signal an die Welt. Und nicht allzu gefährlich: Der Sportler würde wohl kaum verhaftet werden. Im schlimmsten Fall hieße es: Okay, dein Visum ist abgelaufen, morgen geht dein Flieger, verschwinde!

Werden Sie selbst 2014 in Sotschi vor Ort sein?
Ich glaube kaum, dass das geht: Bevor ich ein Visum bekomme, würden die Russen wohl zuerst einmal Google befragen. Und da würden wohl die ersten Einträge schon reichen, um meine Visaanfrage mit einem klaren Nein zu beantworten.

Fragen: Jirka Grahl

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