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Entwurf fürs Leben

Ein Besuch bei dem Architekten Wilfried Stallknecht. Am Montag wird er 85

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Er lebt in seinem eigenen Entwurf. Er lebt im fünften Stock eines elfgeschossigen Plattenbaus in Fennpfuhl, Berlin-Lichtenberg. Derzeit ist der Bau verhangen, die Fassade wird neu gestaltet. Ob Wilfried Stallknecht wisse, wie der neue Fassadenentwurf aussieht? »Nein, ach wissen Sie, jeder macht doch seins.« Was er denn Berlin-Besuchern als Architekturexperte zeigen würde? Stallknecht denkt lange nach, schweigt. Seit 20 Jahren wohnt der gebürtige Sachse hier in dieser Drei-Raum-Wohnung mit zeitlosen Schrankmöbeln aus DDR-Produktion. Ein Zimmer hat er, eines seine Frau und gemeinsam treffen sie sich im Wohnzimmer zum Zeitungslesen, Fernsehen und Milchtrinken. Heute gibt›s auch Kuchen. Der emeritierte Professor und zweifach Promovierte feiert an diesem Montag seinen 85. Geburtstag.

»P2« heißt die Plattenbauserie, die der Architekt vor gut 50 Jahren entwarf. Sie wurde in der DDR hunderttausendfach gebaut. Auch die Wohnhochhäuser um den Alexanderplatz sowie am Platz der Vereinten Nationen (ehemals Leninplatz) sind in dieser Modulbauweise entstanden. Die erste »Durchreiche« dieses Wohnungstyps hat Stallknecht noch selbst kreiert. In Fachkreisen gilt er heute als Plattenbau-Experte und Meister des variablen Bauens: »Dabei hatte ich meinen beruflich größten Erfolg mit einer Eigenheimserie, die ich 1958 für das Zentralinstitut Entwurf projektierte.« 1954 hatte er bereits eine Eigenheimserie entworfen. Das Haus sei ein Schuss gegen die »Typisierung« gewesen, so Stallknecht. »Jedes Haus hatte andere Elemente, also unterschiedliche Fenstergrößen, Raumaufteilungen und so weiter. Das war zu kompliziert für die Serienfertigung. So entstand «EW 58» mit 13 verschiedenen Typen. 500 000 mal sei das Eigenheim gebaut worden. Ein Architekt aus Holland hat 2008 ein Buch darüber geschrieben und mit dem Modell einen Preis gewonnen.

Sich Neues ausdenken und vor allem Altes neu denken, das sind die Stärken Wilfried Stallknechts. Er hat mehr als 20 Patente angemeldet, unter anderem auf das «Gleit-Kipp-Verfahren». Dieses Verfahren aus dem Industriebau (etwa für Schornsteine, Getreidesilos) galt es auszulasten, und so dachte er über den Einsatz im Wohnungsbau nach. Das Gebäude wurde vor Ort in horizontaler Lage aufgebaut und dann auf dem Boden um 90 Grad gekippt.

Das schöpferische Potenzial hat Stallknecht vom Großvater, einem Holzbildhauermeister. 1932 kaufte sein Vater eine stillgelegte Fabrik im sächsischen Geringswalde und begann, Uhren und Tische zu produzieren. 1945 wurde der Vater enteignet, der Sohn Wilfried durfte seine Tischlerlehre im Betrieb noch beenden. «Wir hatten eine wunderbare Wohnung in der Fabrik, heute würde man ›Loft‹ dazu sagen.» Nach der Enteignung ging Stallknecht nach Erfurt und wurde Innenarchitekt.

Mit seinen Fähigkeiten begann er Anfang der 50er als Projektant in einem Berliner Entwurfsbüro für Bauwesen. Dort lernte er eine Menge über das Thema Wohnungsbau, Eigenheimbau und industrielles Bauen. Der erste «P2»- Versuchsbau hatte vier verschiedene Grundrisse. Das sei zu aufwendig, hieß es damals. Also musste man puristischer denken. Das Ergebnis war eine Deckenspannweite über sechs Meter. Die tragenden Wände waren gleichzeitig die Wohnungstrennwände. So konnte man in der Wohnung individuell Trennwände einbauen und auch versetzen.

«Als Mitarbeiter der Bauakademie konnte ich immer Wissenschaft mit Praxis auf kürzesten Wegen verbinden.» Über städtebauliche Utopien dachte der innovative Kopf genauso nach wie über die Weiterentwicklung des modularen Bauens. Auch das populäre «WBS 70»-System entwarf er mit Kollegen am Reißbrett.

1974 räumte man im Bernauer Rathaus ein Büro für den Ideenkopf und Stallknecht führte die städtebaulichen Geschicke der Stadt zehn Jahre lang. Unter seiner Mitwirkung entstanden das Café am Pulverturm, die Gaststätte Steintor sowie behindertengerechte Wohnanlagen. «Mich hat immer Neues interessiert, ich habe nie zurückgeschaut und auch nicht nachgeforscht.» Auch als Möbeldesigner machte er sich einen Namen. 1968 entwarf er SELIO, eine Sessel/Liegen-Kombination. Diesen Klassiker möchte er noch heute durch Brandenburger Unternehmen bauen lassen.

Und noch einmal die Frage, welche Gebäude er in Berlin für gelungen hält. Wieder langes Nachdenken und dann: «Es ist schlimm, was alles abgerissen wurde. Das stört mich. Dieser Abriss steht in krassem Widerspruch zum Thema Nachhaltigkeit. Viele Ressourcen wurden vernichtet.» Für die Nutzung der Gebäude als Energielieferant, ob durch Windkraft oder Sonne, hat der Querdenker schon Ende der Neunziger an Symposien teilgenommen und Denkanstöße geliefert. Sein erstes Passivhaus plante er bereits 1998. Auch seine «Park and Ride»-Idee für Bernau wurde mit dem S-Bahnhof Friedenstal ausgeführt. Der S-Bahnhof ist stark frequentiert. «Es gibt so viele Dinge, die mich noch interessieren. Ich bin der Ideengeber, ausgeführt haben andere. In der Musik würde man sagen, ich bin der Komponist.»

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