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Das Manifest, Abenteuerlust und Kränkung

Lothar Bisky über seinen Weg in die DDR

In meiner Gegend (Brekendorf in Schleswig-Holstein, Anm. d. Red.) gab es einen Kommunisten. Er hatte eine sehr tragische Geschichte hinter sich, hatte im KZ gesessen, konnte aber irgendwann ausreißen, wurde von seiner Frau versteckt, die er später geheiratet hat. (...) Er hat mich tief beeindruckt. Seine Person, die Tatsache, dass das Kommunistische Manifest und andere Texte, die ich gelesen habe, meine soziale Situation erklärt haben, und sicher auch ein Stück Abenteuerlust haben mich dazu gebracht, mein weiteres Leben in der DDR versuchen zu wollen. Außerdem hatte man mich ein bisschen gekränkt.

Die haben mir auf dem Gymnasium ein Stipendium angeboten mit 140 Mark im Monat. Das war damals sensationell hoch, aber es enthielt die Auflage, dass ich im Internat bleiben und nicht arbeiten sollte. Zuvor hatte ich mir mein Geld für das Gymnasium verdient. Das Internat kostete aber exakt 140 Mark im Monat. Meine Eltern konnten mir wirklich nichts geben, mein Bruder auch nicht. Wenn sie gekonnt hätten, hätten sie das getan, aber sie waren lange arbeitslos. Und das empfand ich als Kränkung, dass ich gezwungen sein sollte, auf das Internat zu gehen, dort von früh bis nachts zu bleiben, aber wenn irgendwas war, ob Theaterbesuch, Bücher kaufen oder sonst was, dann wäre ich aufgeschmissen gewesen. (...)

Ich habe meinen Campingbeutel genommen, bin über die Grenze, wurde in Schönbeck erst mal in Gewahrsam genommen. (...) Ich wurde von mehreren Herren befragt und dann in ein Lager gebracht. Da waren übrigens nicht wenige. Die sind zumeist vor der Wehrpflicht geflohen. (…) Mich haben sie gefragt, wohin ich will. Ich habe gesagt, nach Leipzig. Da haben sie mich nach Altenburg geschickt. Dort habe ich im Teerverarbeitungswerk Rositz als Pressreiniger mein Geld verdient. (...)

Später haben sie mich zur EOS Windischleuba delegiert. Dort habe ich Abitur gemacht. Ich glaube, man hat mich die ersten sieben Jahre nach meiner Einreise beobachtet, das war wohl die Regel. Dann kam der Abschnittsbevollmächtigte der Volkspolizei zu mir und hat gesagt: Du, ich muss einen Bericht über dich anfertigen, kannst du mir helfen? Das war auch die DDR. Wir haben uns gemeinsam hingesetzt und haben einen Bericht über den Bisky gemacht, der einigermaßen zufriedenstellend war. Dann war Schluss mit dem Misstrauen.

Aus: Dietmar Keller / Jürgen Reents (Hrg.), Über Gott und die Welt, Gregor Gysi im Gespräch mit Lothar Bisky, Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 1999

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