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Rot in Weiß, Weiß in Rot

Dichtet bezwingend, kristallin, unbeugsam: Reiner Kunze zum heutigen 80. Geburtstag

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.

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Im Rowohlt Verlag Hamburg erschien im März 1969 ein Lyrikband von Reiner Kunze: »Sensible Wege«. Darin: »Kurzer Lehrgang«, Verse über Dialektik: »Unwissende damit ihr/ unwissend bleibt/ werden wir euch/ schulen«. In vier Zeilen die ganze pädagogische Anmaßung einer Ideologie, die just eine Widerspruchslehre in doktrinären Dienst nahm. Dialektik? Die philosophische Schule jenes Energiefeldes, auf dem Wahrheit gegen Wahrheit steht, sie war in der DDR auf einen einfachen Nenner gebracht worden: Es gibt von jeder Sache zwei Ansichten - unsere und die falsche. Kunzes Gedicht klagt bitter ironisch eine geistfesselnde Anmaßung aus Fuchteln und Faseln an.

Oder: Kunzes Gedicht »Elegie«. Es heißt da: »Weimar totenglöckchen/ an der deutschen Eiche / Du läutest/ zur Fürstengruft/ Du läutest/ zum Ettersberg / Du läutest/ Wo aber bleiben / die Vögel.« Weimar als Stillstandsort, wo nichts loskommt vom historischen Ur-übel. Ein kristallines Gedicht über das Schuldigwerden, über die Not, nie wieder zu klassischer Reinheit, zur Schönheit natürlicher Gesänge zurückkehren zu dürfen. Denker und Dichter, Henker und Richter - elendes deutsches Erbe des zusammengeklumpt Unvereinbaren.

Man kann betroffen sagen: zwei tiefdringlich zweifelnde, zwei fragende Gedichte. Man kann aber auch sagen, sehr laut sagen: »Ersparen wir uns weitere Kostproben. Es ist alles in allem der nackte, vergnatzte, bei aller Sensibilität aktionslüsterne Individualismus, der aus dieser Innenwelt herausschaut und schon mit dem Antikommunismus, mit der böswilligen Verzerrung des DDR-Bildes kollaboriert - auch wenn das Reiner Kunze, wie anzunehmen, nicht wahrhaben will.«

So der Vorstand des DDR-Schriftstellerverbandes im Referat seines Kongresses, im Mai 1969. Enden werden Rede und Kongress mit der Einladung zu weiterem Dialog und Streit. Man kann das Wort von der Einladung aussprechen wie: Vorladung. Oder Ausladung.

»zimmerlautstärke«, »eines jeden einziges leben«, »ein tag auf dieser erde«, »lindennacht« - Buchtitel von Kunze. Das schmale, große Werk besteht aus dem so sanften wie unbeugsamen Ton, eine Kostbarkeit zu erzählen: das Ich. Und singt die Gefahr, wenn man Ich bleiben will inmitten aller.

1977 verlässt der in Oelsnitz geborene Bergarbeitersohn mit seiner Familie die DDR, er lebt seither im bayerischen Passau. Nach frühem Idealismus, der in die SED-Mitgliedschaft geführt hatte, in einen parteilichen Entschiedenheitston beim journalistischen Dogmendienst an Leipzigs Karl-Marx-Universität: das Erschrecken und das Widerrufen, der Rückzug und der Protest - und so arbeitete sich an ihm alle Schikane-Schöpferkraft ab, für die Schriftstellerverband und Stasi ihre klassenkämpferische Liaison knüpften. Tilgung einer Stimme. Die doch aber zu einem Körper gehörte. Versuch, also einen Menschen zu tilgen.

»Wegen seiner Kompromisslosigkeit«, so Lyriker Wulf Kirsten in einem soeben erschienenen Sammelband über Kunze, »wurde er als abschreckendes Beispiel eines Staatserschütterers vorgeführt. Öffentlich und heimlich bis unheimlich.« Einer der vermeintlichen Greizer Freunde, Manfred Böhme, erwies sich als einer der infamsten Spitzel, nannte sich später Ibrahim Böhme und machte in der Wendezeit eine sozialdemokratische Karriere.

1973 war zwar bei Reclam noch »Brief mit blauem Siegel« erschienen, aber die Verjagung, der wegen Westveröffentlichung des Buches »Die wunderbaren Jahre« ein Ausschluss aus dem DDR-Schriftstellerverband vorausgeht, ist wohl schon zu dieser Zeit nicht mehr abzuwenden. »Die wunderbaren Jahre« ist ein hartes Buch. Es erzählt in Gedichten und Miniaturen jene DDR, die es offiziell nicht geben durfte: die Militarisierung der Gemüter, den ideologischen Drill, die Zweizüngigkeit, den einschüchternden Unterstrom so vieler Lebensprozesse. Eine Kampfansage. Aus den propagandistischen Etagen: Gift und Galle.

Vor Jahren veröffentliche Kunze unter dem Titel »Deckname Lyrik« einen Teil der auf einer Müllkippe bei Pößneck gefundenen 3500 Stasi-Blätter Denunzierprosa wider ihn. Atemlos machende Zeugnisse einer organisierten Seelenverwüstung. Dies lese, wer wissen will, wie vernichtungseifrig das alles aufs Fleisch zielte: »Misstrauen säen … Angst schüren … ins Verbindungssystem des K. eindringen … Gerüchte über die Ehefrau streuen … psychische Labilität des K. ausnutzen ... Wohnung aufklären … aufweichen … zersetzen.«

Mit ihren Träumen schafft die Poesie Welt, doch ist weltschaffende Poesie, so Kunze, nicht gleichzusetzen mit weltverändernder Poesie. Erstere wird »für ihre scheinbare Wirkungslosigkeit mit ewigem Leben belohnt«, während Zweitere, »die zielgerichtete Zweckpoesie, dazu verurteilt ist, mit ihrem Zwecke selbst zu enden«. Kunzes Kurzlehrgang zum sozialistischen Realismus.

In einem Gedicht beschreibt er den »Rest einer alten Gartenhecke«, Weißdorn und Rotdorn: »Die zweige schäumen/ rot in weiß,/ weiß in rot// Holz, das blüht/ auf leben und tod«. Da ist sie, die Einheit von Blühen und Vergehen, und wahres Blühen ist Zeigen, nicht Vorzeigen. »Was blühen muß, blüht/ in geröll auch und gestein/ und abseits jedes blickes«.

Kunze lesen: glückhafte Kapitulation - du unterwirfst dich einem Ton, der dir bis eben gefehlt hat. Der dich stärker macht, als die Wirklichkeit zulassen möchte. Für seine Frau notiert der Dichter: »Des spiegels unerbittlichkeit/ vermag uns nicht zu täuschen// Wir wissen mehr/ als er«. Und so grandiose Verse über Musik! Darin Gott erfahren könnte, dass er Bach nahezu alles verdankt.

Leiser Dichter, behutsam, aber die Stirn, die er bietet, lässt doch auf Grundhärte schließen: Der Panzer ist nicht Eisen, er heißt Gedächtnis. Schreiben als durchgehaltene Freiheit eines Machtlosen, der nie bereit war, seine Erfahrungen in vermintem Gelände zu entwürdigen.

Im Dunklen ist alles vorstellbar - vielleicht ist Literatur ein blindes Sehen: Die Welt offenbart sich dann, wenn ein Mensch nur nach ihr tastet, statt nach ihr zu greifen. Die Unsicherheit nimmt das Zutrauen an die Hand. Poesie ist für Kunze etwas Frommes - weil das Dasein uns frommen möge. Was da frommen möge? Das Ja zur Existenz. Die auf eigene Rechnung zu führen ist. Eines zählt noch weit mehr: Leben nämlich - so der Titel eines Gedichtbandes - »Auf eigene Hoffnung«.

Heute wird der bedeutende Dichter Reiner Kunze 80 Jahre alt.

● Udo Scheer: Reiner Kunze. Dichter sein: Eine deutsch-deutsche Freiheit. Mitteldeutscher Verlag. 271 S., geb., 19,95 Euro

● Matthias Buth, Günter Kunert (Hrsg.): Dichter dulden keine Diktatoren neben sich. Ein Lesebuch. Verlag R. Liebe Weilerswist. 313 S., geb., 20 Euro

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