Schulerfolg ohne Eltern?

Jürgen amendt über Schule, Lehrer und »Helikopter-Eltern«

Karikatur: Christiane Pfohlmann
Karikatur: Christiane Pfohlmann

Sind Eltern zu sehr besorgt um die Zukunftschancen ihrer Kinder, reagieren deshalb übervorsorglich und konterkarieren damit die pädagogischen Anstrengungen der Schule? Wenn Lehrer und Bildungspolitiker von den sogenannten Helikopter-Eltern sprechen, ist das immer auch ein Stück Abwehr eigener Verantwortung. Wer schulpflichtige Kinder hat, weiß ein Lied davon zu singen. Als mein Sohn in der fünften Klasse sein erstes Referat halten musste, haben wir ihn selbst schalten und walten lassen. Er hat sich in Büchern informiert, im Internet recherchiert, einen kleinen Text verfasst und das Ganze mit selbst ausgesuchten Bildern auf ein Plakat geklebt. Gut, professionell sah das Ergebnis nicht aus; der Text enthielt manchen Schreibfehler und die Bildkomposition war recht zufällig, dafür war es ein Eigenwerk des damals 10-Jährigen. Inhaltlich muss das Referat auch in Ordnung gewesen sein, denn die Lehrerin gab ihm dafür eine Zwei, wegen der Mängel in der Gestaltung des Plakats gab es in der B-Note aber Abzüge, so dass er als Gesamtbewertung eine Drei erhielt. Nur die Mitschülerin, deren Mutter alleinerziehend ist und bei Aldi an der Kasse arbeitet, war noch schlechter.

Wir haben damals die Botschaft verstanden: Die Schule will betrogen werden. Also wurde das nächste Referat ein Gemeinschaftswerk: Sohnemann lieferte die Texte, ich brachte diese in eine professionelle Form und das Gestalten des Plakats übernahm meine Frau. Jetzt stimmte das Ergebnis, eine glatte Eins. Alle waren zufrieden, unser Sohn, wir, aber - was am wichtigsten ist - die Lehrerin und die Schule. Die Mitschülerin mit der Aldi-Mutter hatte übrigens weniger Erfolg, aber sie hat ja auch keine »Helikopter-Eltern«.

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