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Schwache Daten für erbliche Intelligenz

Hartnäckig sucht man nach genetischen Grundlagen komplexer Eigenschaften / Ergebnisse werden oft fehlinterpretiert

  • Von Kathrin Zinkant
  • Lesedauer: 5 Min.

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Wenn David Beckham sagt, Fußball liege »den Briten in der DNA«, dann ist das gewiss nicht wahr. Fußballgene gibt es nicht. Trotzdem würden dem übertragenden Sinn dieses Spruchs viele zustimmen, denn kaum ein Land wird so stark mit Fußball verbunden wie Großbritannien - und manche Vorurteile tun niemandem weh.

Anders sieht es da schon aus, wenn es um Assoziationen mit Diskriminierungspotenzial geht - zum Beispiel um die Bildungsfähigkeit von Menschen. Vor wenigen Wochen veröffentlichten Forscher des internationalen Social Science Genetic Association Consortiums (SSGAC) im angesehenen Wissenschaftsjournal »Science« die erste Studie, die nach eigenem Bekunden »reproduzierbare« Assoziationen zwischen genetischen Merkmalen und einer sozialen Eigenschaft, nämlich eben dieser Bildungsfähigkeit belegt. Die Wissenschaftler durchforsteten in ihrer Studie das Erbgut von mehr als 100 000 Menschen. Dabei fanden sie zwei genetische Marker, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, das College zu beenden. Und einen Marker, der mit langen Schulbesuchen verknüpft zu sein scheint. Die Effekte, das verschweigen die Forscher nicht, sind klein.

Die Versuchspersonen waren zudem alle weiß, sodass die Ergebnisse über andere Volksgruppen zunächst nichts sagen. Was aber, wenn nach denselben Merkmalen im Genom von Schwarzen oder Asiaten gesucht wird?

Um das Gefahrenpotenzial solcher genetischen Assoziationen zu verstehen, lohnt der Blick auf die Methodik: Genome-wide Association Studies (GWAS) werden seit gut einem Jahrzehnt genutzt, um das erbliche Fundament komplexer Eigenschaften einzugrenzen - also von Krankheiten oder Merkmalen, die durch eine Vielzahl noch unbekannter Gene bestimmt sind und deren Ausprägung auf teils unklare Weise durch die Umwelt beeinflusst wird. Diabetes, Herzinfarkt, Asthma, psychiatrische Leiden wie Schizophrenie gehören dazu, aber auch vermeintlich simple Merkmale wie Körpergewicht und -größe. Und eben weil die genetischen Ursachen für diese Eigenschaften nicht bekannt sind, suchen GWAS erst einmal nach Hinweisen auf zugehörige Erbanlagen - nach sogenannten Single Nucleotide Polymorphisms (SNPs - »snipps«). SNPs sind Variationen an bestimmten Stellen im genetischen Text, die selbst keine Wirkung haben müssen, aber an größere Textblöcke - also bestimmte Gene - gekoppelt sind und mit ihnen gemeinsam vererbt werden. Kleine bunte Fähnchen, die anzeigen, bei wem sich gleiche Gene finden lassen. Heute sind etwa zwei Millionen solcher SNPs im gesamten Erbgut bekannt und suchbar. Findet sich etwa bei sehr großen Menschen besonders häufig ein bestimmter SNP X, ist die Körpergröße mit dem zugehörigen Gen assoziiert. Über Identität oder Funktion des Gens und über gar einen kausalen Zusammenhang ist damit allerdings noch nichts bekannt.

Obwohl derartige Studien also selbst für einfache körperliche Merkmale nur Hinweise liefern, wecken sie Begehrlichkeiten. Monogame Lebensweise, Attraktivität, sozialer und ökonomischer Erfolg werden heute mithilfe von GWAS untersucht, und das auch immer häufiger in ethnischen Zusammenhängen. Der dahinterstehende Glaube an einen genetischen Determinismus stößt nicht wenigen Wissenschaftlern unangenehm auf. So kommentiert der US-Genetiker David Goldstein von der Duke University in Durham die aktuelle Studie des Konsortiums: »Dieses winzige, winzige Signal ist völlig gegenstandslos - und es wird missinterpretiert werden.«

Damit dürfte Goldstein leider recht haben. So irritierte der Nobelpreisträger und DNA-Pionier James D. Watson vor wenigen Jahren durch die Feststellung, Afrikas Aussichten seien düster, weil alle politischen Maßnahmen auf der Annahme gründeten, Schwarze seien genauso intelligent wie Weiße - obwohl alle Tests gezeigt hätten, dass das nicht stimme. Watson trat wenig später von seinen Ämtern zurück. Aber seine Ansichten halten sich hartnäckig.

Einer der prominenten deutschen Anhänger dieser Thesen ist der Bildungspsychologe Heiner Rindermann. Rindermann, der heute einen Lehrstuhl an der Technischen Universität Chemnitz besetzt, doziert seit Jahren und gern öffentlich, dass sich die »kognitive Kompetenz« verschiedener Völker stark unterscheide und dies nicht zuletzt genetische Ursachen habe. Umwelteinflüsse spielen in Rindermanns Intelligenzkonzept zwar auch eine Rolle, allerdings eher als Folge des biologischen Erbes statt als Voraussetzung der geistigen Entfaltung: Nur intelligente Völker schaffen sich demnach Umgebungen, in denen sie diese Intelligenz noch weiter entwickeln können. Was im logischen Schluss hieße, dass dort, wo es an Bildung fehlte, sowieso kein Nährboden für Bildung existieren würde. Eine absurde Idee, von der Rindermann aber glaubt, sie sei wissenschaftlich erwiesen, weil die in intelligenten Gesellschaften üblichen Intelligenztests das gezeigt hätten. Dass diese Test auf westlich geprägten Voraussetzungen beruhen, bleibt außen vor. Und obwohl der Psychologe sich vom Vorwurf des Rassismus distanziert und stets betont, wie wenig man im Grunde wisse, liefert er dem genetischen Determinismus fleißig neues Futter. Erst im vergangenen Jahr veröffentlichte Rindermann in einem Fachjournal eine Arbeit, in der er Gruppen von Genen mit den von ihm höchstselbst ermittelten »nationalen kognitiven Fähigkeiten« assoziierte, nach einem Verfahren, das den GWAS ähnlich ist.

Die Gefahr der Fehlinterpretation und des Missbrauchs verschärft auch die Debatte innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft. Das gilt nicht nur für die Betrachtung von Intelligenz mittels Genomanalysen. Forscher überraschen auch auf anderen Feldern mit Feststellungen wie: »Klimawandel mit aggressivem Verhalten assoziiert«; »Ginkgo-Extrakte mit geistiger Fitness im Alter assoziiert«. Aussagen wie diese übersteigen in ihrer Bedeutung selten die Feststellung, dass ein Wohnsitz im Prenzlauer Berg mit dem Konsum von Weizengrassaft assoziiert ist. Im November hatten Wissenschaftler des SSGAC noch in »Psychological Science« konstatiert, dass die meisten Assoziationen zwischen Genen und Intelligenz sehr wahrscheinlich »falsch-positiv« seien. Mit anderen Worten: Wer assoziiert, wird nicht klüger.

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