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Den Nazis noch Spalier gestanden

nd-Wanderung auf den Spuren der Köpenicker Blutwoche

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 3 Min.

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Bis zur Gedenkstätte Köpenicker Blutwoche wären es nur noch ein paar hundert Meter. Doch die nd-Herbstwanderung 22. September biegt vorher links ab. Kurz hineinzuschauen in die Gedenkstätte wäre an einem Sonntag ohnehin nicht möglich, denn sie ist nur donnerstags geöffnet. So wundert es nicht, dass lediglich 280 bis 360 Besucher pro Jahr gezählt werden. Die nd-Tour startet von 8 bis 11 Uhr am S-Bahnhof Friedrichshagen. Zwei Strecken, sieben und 14 Kilometer lang, führen zum Biergarten »Freiheit 15« in Köpenick.

In Köpenick spielten sich vom 21. bis 26. Juni 1933 Szenen ab, die bis dahin unvorstellbar waren. Die Nazis verschleppten etwa 500 Menschen ins Amtsgerichtsgefängnis und in SA-Sturmlokale und folterten sie dort grausam. Mindestens 23 Todesopfer hat es gegeben. Daran erinnert seit 1987 eine Gedenkstätte im einstigen Gefängnis. Der ehemalige Frauenflügel wurde dafür freigeräumt.

Zum 80. Jahrestag der historischen Ereignisse wurde am 21. Juli eine neue Dauerausstellung eröffnet. Dadurch scheint das Interesse gewachsen zu sein. Immer wieder klingeln Leute. Die Tür steht nicht offen. Besucher müssen warten, bis die Betreuerin den Summer betätigt und sie einlässt. Eine Geschichtslehrerin im Ruhestand kümmert sich freundlich um die Besucher. Zwei Eintragungen enthält das Gästebuch: Pauline Jacquet aus Frankreich bedankt sich für die Erklärungen, und jemand anders bedauert, dass die Ausstellung nur acht Stunden in der Woche geöffnet hat.

Dabei muss man damit noch zufrieden sein. Denn der Gedenkstätte drohte in der Vergangenheit bereits mehrfach die Schließung. Inzwischen scheint sie vorerst gerettet zu sein. 2008 wurde die vorherige Ausstellung überarbeitet und nun ganz ersetzt. Ins Auge fällt jetzt die Fülle von Tafeln mit jeweils sehr viel Text, vielleicht zu viel! Die genutzten Räume - Eingangsbereich, Flur, Betsaal und mehrere Zellen - sind mit Informationen vollgestopft. So kommt es, dass man als Besucher leicht anderthalb oder zwei Stunden in der eigentlich gar nicht so großen Gedenkstätte verbringt und sich am Ende wundert, wie schnell die Zeit verflogen ist.

Der Ort wirkt kaum noch wie eine Gedenkstätte, sondern wandelt sich zu einem historischen Museum. Hier geschieht, was sich in der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen auch vollzieht - als Reaktion darauf, dass es immer weniger Überlebende gibt. Zeitzeugen der Köpenicker Blutwoche leben schon nicht mehr. Mit dem Kommunisten Willy Patermann starb der letzte Überlebende im stolzen Alter von 104 Jahren bereits 2005.

So schlimm es die SA im Juni 1933 auch trieb, die Bevölkerung schaute bis auf wenige Ausnahmen zu. Sie bildete am Ende sogar noch Spalier, als die SA die Leichen von Walter Apel und Ronert Gleuel in einem Trauermarsch durch Köpenick zum Friedhof brachte. Der Sozialdemokrat Anton Schmaus hatte in Notwehr drei SA-Männer niedergeschossen, als die Faschisten über politische Gegner in der Siedlung Elsengrund herfielen. In der neuen Ausstellung heißt es: »Die SA-Führung war nahezu überrascht, wie weit sie mit Folter und Mord gehen konnte, ohne dass sich ihr Polizei, Justiz und Gesellschaft in den Weg stellten.« Während der Köpenicker Blutwoche habe die Zivilgesellschaft versagt.

Es klingelt wieder an der Tür der Gedenkstätte. Herein tritt eine Frau auf der Suche nach Informationen über ihren Vater Herbert Groß. Er gehörte zu den Opfer der Köpenicker Blutwoche, weiß sie - aber viel mehr nicht. Erst 15 Jahre alt sei sie gewesen, als der Vater 1958 starb. Viel erzählt hatte er ihr nicht darüber, was er im Juni 1933 erleiden musste.

Gedenkstätte Köpenicker Blutwoche, Puchanstr. 12, Do. 10-18 Uhr, ansonsten Führungen unter Tel.: (030) 902 97 56 71 vereinbaren

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