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Friede, Freude, Klebereis

Daniel Barenboim und das West-Eastern Divan Orchestra spielten vor 15 000 Zuhörern in der Waldbühne

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Das 1999 vom argentinisch-israelisch-spanisch-palästinensischen Dirigenten Daniel Barenboim (geb. 1942) und dem palästinensisch-US-amerikanischen Literaturtheoretiker Edward Said (1935-2003) begründete West-Eastern Divan Orchestra ist längst zum strahlenden Symbol für die völkerverbindende Kraft der Musik geworden. Die Idee ist auch einfach bestechend: Indem sie gemeinsam auf hohem Niveau musizieren, demonstrieren junge Instrumentalisten aus Israel, Palästina, verschiedenen arabischen Ländern und Spanien, ganz ohne Worte, »dass es möglich ist, Menschen zum gegenseitigen Zuhören zu bewegen«.

Selbst der verhärtete Nahostkonflikt, so kann man es aus der Selbstdarstellung des nach Goethes Gedichtsammlung »West-östlicher Divan« benannten Orchesters herauslesen, lässt sich zumindest für die Dauer eines Konzerts in schönsten Klang auflösen. »Musik allein kann selbstverständlich nicht den arabisch-israelischen Konflikt lösen«, heißt es zwar. »Jedoch gibt sie dem Einzelnen das Recht und die Verpflichtung, sich selbst vollständig auszudrücken und dabei auch dem Nachbarn Gehör zu schenken. Auf den Prinzipien von Gleichheit, Kooperation und Gerechtigkeit für alle beruhend, stellt das Orchester ein Alternativmodell zur derzeitigen Situation im Nahen Osten dar.« Die neu gegründete Barenboim-Said-Akademie in Berlin soll überdies ab 2015 im bis dahin (vielleicht) fertig sanierten Magazingebäude der Staatsoper bis zu 100 Stipendiaten aus dem Nahen Osten musikalisch ausbilden. Musikalischer und pädagogischer Leiter der Institution wird Daniel Barenboim sein.

Am Sonntagabend strömten nun abermals Tausende in die Waldbühne, um Ohrenzeugen jenes Konzerts zu werden, das im dritten Jahr in Folge in Barenboims »Wahlheimat« Berlin (seit 1992 ist er Generalmusikdirektor der hiesigen Staatsoper) die internationale Sommertournee des Orchesters beschließt. Diesmal führte die Tournee - mit einem Programm, in dessen Mittelpunkt die Musik des »romantischen« europäischen 19. Jahrhunderts steht - durch Spanien, Frankreich die Schweiz, Österreich und Deutschland. Zuvor kommen die Orchestermitglieder jedes Mal im andalusischen Sevilla, wo das Orchester seinen festen Sitz hat, zu Proben, Vorträgen und Diskussionen zusammen.

Barenboim ist ein exzellenter, an den besten Adressen der Musikwelt geschätzter Pianist und Dirigent, der aber nicht davor zurückschreckt, die Musik, die er liebt, aus ihren gewohnten Zusammenhängen zu reißen und der Welt auszusetzen, wie sie außerhalb eines Konzertsaals ist. Zu derartigen Grenzüberschreitungen gehört es auch, wenn er - wie in der Waldbühne - populäre Stücke von Verdi, Wagner und Berlioz unter freiem Himmel spielen lässt. Gerade Wagner: Hier erlebt man seine gewaltige Musik, begleitet vom Rauschen eines lauen Sommerwindes und dem lautsprecherverstärkten Rascheln des Notenpapiers, einmal befreit aus den Mauern eines Opern- oder gar des Bayreuther Festspielhauses.

Mit Anfeindungen der Art, wie sie 2001 über ihn ergingen, als er mit der Berliner Staatskapelle in Israel den dort wegen seiner antisemitischen Schriften und der Vorliebe Hitlers für seine Musik gemiedenen Wagner spielte, hatte Barenboim in Berlin nicht zu rechnen. Doch natürlich, ein Unbehagen bleibt. Der israelische West-Eastern-Divan Musiker Asaf Levy nennt im Programmheft die »Meistersinger«-Ouvertüre »pompös, festlich, herrschaftlich ... und, ich möchte es gar nicht sagen, faschistisch«. Dem Zwiespalt zwischen Abscheu und Hingabe sich zu entwinden, bleibe ihm nur die »Flucht aus dem kulturellen Gedächtnis«. Jenes Stück Musik zu spielen, das einige Juden »auf ihrem Weg in die Gaskammer begleitete«, gelinge wohl nur, wenn man den Versuch aufgibt, »Wagner in intellektueller Auseinandersetzung zu ergründen«. Vielleicht könne man diesen Komponisten gar nicht »erfassen«, schreibt Levy, und müsse es zulassen, stattdessen sich selbst von dessen Musik erfassen zu lassen.

Der sympathische Geist der Versöhnung durch emotional bewegende Kunst wehte auch durch die Waldbühne, die bis in die hinteren Reihen, von denen aus die Musiker noch kleiner aussehen als im Fernsehen, gut gefüllt war. Ungewollte Pointe der großen Entfernung: Von so weit weg ist beim besten Willen nicht auszumachen, welcher Bläser, welche Streicherin wohl welcher Nationalität angehört. Indem man fast nichts sieht, sieht man: Alle sind gleich.

Vielsprachig plauderte das Publikum bevor, nachdem (und auch während) das Orchester selbst die romantischste Verdi-, die aufgewühlteste Wagner- und die liebesverrückteste Berlioz-Stelle unten auf der Bühne klar, sauber und diszipliniert hingebungsvoll spielte. Junge und Alte, bunt gemischt, genossen einen rundum harmonischen Abend bei Cola, Bier und Wein. So multikulturell wie das Publikum war die in Kiosken angebotene und von zu Hause mitgebrachte Palette der nebenher verzehrten Speisen: Knackwurst, Tabouleh-Salat, Sushi und Klebereis. Und weil es so schön war an diesem verbindenden Abend unter der Schirmherrschaft der Bundeskanzlerin, den sich auch Gregor Gysi nicht entgehen ließ, spielten Barenboims Musiker zur Zugabe vier Gassenhauer des klassischen Repertoires auf.

Das ist nicht jedermanns Sache, und doch: Selbst die von freudestrahlenden Senioren in Schunkelstimmung eifrig mitgeklatschten »Toréadors« aus Bizets »Carmen« hört man sich millionenfach lieber an als die Detonation von Bomben und Raketen. In ihrer Überzeugung, »dass es keine militärische Lösung des Nahostkonflikts geben kann und dass die Schicksale von Israelis und Palästinensern untrennbar miteinander verbunden sind«, ist Barenboim und den Musikern des West-Eastern Divan Orchestras unbedingt zuzustimmen. Das ist leicht und tut nicht weh. Ob die Botschaft aber auch von den Konfliktparteien so begeistert gehört wird wie von den Wurst essenden und Sekt trinkenden Konzertbesuchern?

Mensch, geht es uns gut. Welch ein Glück Frieden und Wohlstand bedeuten, macht ein Abend wie dieser so richtig bewusst. Der Vorverkauf fürs nächste Jahr hat soeben begonnen.

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