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»Ich höre, wer lügt«

Berlinerin ist die erste von Geburt an blinde Anwältin für Strafrecht

  • Von Jutta Schütz, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.

In dem kleinen Büro unterm Dach hat auch die sprechende Briefwaage ihren festen Platz. »Die sagt sogar auf Wiedersehen«, freut sich Anwältin Pamela Pabst. Die Papiere sind akkurat gestapelt. »Auf die konkrete Ordnung bin ich angewiesen«, sagt die 34 Jahre alte Berlinerin. Sie sei bundesweit die erste von Geburt an blinde Anwältin für Strafrecht, sagt Pabst.

»Ja, ich muss mir mehr merken als andere und viel Zeit für die Arbeit aufwenden - aber blinde Menschen sind keine Wunderwerke mit übersinnlichen Kräften«, wehrt die junge Frau ab. Sie sei auf einer »normalen Schule« gewesen, wo sie aber auch die Blindenschrift lernte. Das Abitur legte sie gemeinsam mit sehenden Schülern ab. Das Jurastudium mit beiden Staatsexamen schaffte sie mit sprechendem Computer, extra Vorlesern und starkem Willen. Pabst sagt, deutschlandweit gebe es etwa 270 blinde Juristen. Sie selbst wäre gern Strafrichterin geworden. Das ist aber laut Bundesgerichtshof Sehenden vorbehalten.

Vor rund sechs Jahren wagte die arbeitslose Juristin den Schritt in die Selbstständigkeit. Sie verteidigt Gewalttäter oder vertritt Opfer. Pabst sagt selbstbewusst: »Ich hab mir einen guten Ruf erarbeitet.« Vorurteile spüre sie nicht. Mit der Vielzahl der Fälle sei sie an ihrer »persönlichen Kapazitätsgrenze«. Pabst erinnert sich lachend an ihre Anfangsangst: Bloß keine Schulden machen.

Ihr erscheine alles wie hinter Milchglas, sagt die 34-Jährige. Hell und dunkel, Umrisse und Farben seien zu erkennen. »Dunkles Rot finde ich sehr schön.« Sie hadert nicht mit sich: »Ich bin so wie ich bin.« Sie sieht sogar Vorteile: »Als Blinde kommuniziere ich mehr als andere. Will ich mit dem Bus fahren, frage ich: Guten Tag, welche Linie sind Sie denn? Ich komme ins Gespräch. Als Sehender fällt das weg - da geht man öfter achtlos aneinander vorbei.«

Sie habe ihre Wege in der Welt der Sehenden richtig erlernt, sagt Pabst. Zuletzt kam der zu ihrer eigenen Wohnung hinzu, wo sie zusammen mit ihrem Freund, ebenfalls Anwalt, lebt.

Ohne Helfer geht es nicht: Mit ihrer vorlesenden Assistentin ackert Pabst Prozessakten durch. Diese ist auch im Gericht ihr sehendes Auge. »Ich verlass mich zu 100 Prozent auf sie.«

Die Fachanwältin für Strafrecht meint, sie spüre in Verhandlungen am Klang der Stimme, ob jemand die Wahrheit sagt. »Vielleicht ist mir schon mal ein Lügner durchgerutscht, aber oft habe ich mich nicht getäuscht.«

Die Eltern der Anwältin helfen im Büro oder machen Telefondienst. Vater Peter Pabst (67) sagt: »Wir haben uns von der ersten Minute an richtig reingekniet und unterstützen Pamela.« Beim Berliner Anwaltsverein heißt es, das Handicap von Kollegen spiele keine Rolle. Einige seien auf einen Rollstuhl angewiesen. Sie kämen wie die anderen zu Fortbildungen und Treffen.

Unterstützer von Pabst ist auch der Computer, der eingescannte Texte und Bücher vorliest oder in Blindenschrift übersetzt. Diese kann über eine extra Leiste abgetastet werden. Für Assistenz und technische Ausstattung gibt es Zuschüsse, die Blinden zustehen.

Wie viele Menschen bundesweit blind oder sehbehindert sind, ist unklar. Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband sagt, es sei unglaublich, dass es keine konkrete Zahl Betroffener gebe. Nach Schätzungen lebten im Jahr 2002 in Deutschland etwa 1,2 Millionen sehbehinderte und blinde Menschen. Bildung für Blinde und andere öffentliche Ausgaben würden nach Vermutungen geplant, heißt es auf der Internetseite des Verbandes. Der Verband sprach von einem Dilemma.

Schnelles Autofahren finde sie toll, sagt Pabst. Sie darf gelegentlich auf einem früheren Militärgelände selbst einen Wagen lenken - mit Fahrlehrer an der Seite. Der lese ihr dann die Geschwindigkeit vor. »Schneller als 130 durfte ich noch nie.«

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