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Inspektionen im Paradies

Die Region des mutmaßlichen Giftgaseinsatzes gilt als landschaftliche Perle

  • Von Karin Leukefeld
  • Lesedauer: 4 Min.
Nach einem Tag Zwangspause hat das UN-Expertenteam in Syrien am Mittwoch seine Suche nach Spuren des mutmaßlichen Giftgasangriffs fortgesetzt. Nach Informationen des Nachrichtensenders »Al-Arabija« erreichte das UN-Team am Mittwoch das Dorf Al-Mleiha östlich von Damaskus - eigentlich eine paradiesische Gegend. So jedenfalls wird sie von Dichtern und Reisenden beschrieben.

»Von den Bergen strömen viele Bäche, die aus dem Gebiet von Damaskus den bestbewässerten und lieblichsten Ort Syriens machen. Die Araber sprechen nur mit Begeisterung von ihm, und sie werden nicht müde, das Grün und die Frische der Obstgärten, die Fülle und Mannigfaltigkeit der Früchte, die Zahl der Quellen wie auch die Klarheit der Springbrunnen und Gewässer zu preisen.« Das schrieb Ende des 18. Jahrhunderts der französische Philosoph Constantin François de Volney voller Begeisterung über seinen Besuch in Damaskus. Wasser war und bleibt eine Quelle des Damaszener Reichtums. Die Fluten des Barada-Flusses und das Wasser der Figeh-Quelle im nahe gelegenen Gebirge machen aus der Stadt eine Oase in der syrischen Basaltwüste. Eben deshalb trägt Damaskus den Namen »Paradies auf Erden«.

Die Damaszener nennen dieses »Paradies« die Ghouta, die Oase, die den Osten und den Süden des Stadtzentrums mit Gärten und Feldern umgibt. Seit Jahrtausenden ernähren die Früchte der Ghouta die Menschen. Im Frühling ist sie ein beliebter Ausflugsort. Das Wasser und der fruchtbare Boden führten schon vor Tausenden von Jahren zur Ansiedlung von Menschen.

In den zurückliegenden Jahrzehnten bewirkten ein massives Bevölkerungswachstum und Landflucht infolge von Trockenheit im Nordosten Syriens eine immer dichtere Besiedlung der Ghouta. Viele Menschen fanden Arbeit in der Landwirtschaft, ungezählte Handwerksbetriebe und Werkstätten entstanden. Aus Dörfern wurden kleine Städte. Der Staat begann, die Bewohner mit neuen Häusern, Schulen, Krankenhäusern, Strom und Wasserleitungen zu versorgen. Immer mehr Satellitenstädte zählte die Ghouta. In dem Grüngürtel um Damaskus leben heute etwa sechs Millionen Menschen.

Die Entwicklung führte zwar zu einer Vermischung von Damaszenern und Zugezogenen, weil viele junge Familien aus dem Stadtzentrum in die Neubaugebiete der Ghouta zogen. Andererseits vertiefte das schnelle Bevölkerungswachstum in der ländlichen Ghouta auch vorhandene Widersprüche zwischen den moderaten und vornehmen Damaszenern und den religiöseren und sehr traditionell lebenden Landbewohnern.

In Jobar, einem der Orte, in denen vorige Woche chemische Kampfstoffe freigesetzt worden sein sollen, lebte seit dem 7. Jahrhundert eine große jüdische Gemeinde, von der viele Mitglieder im Laufe der Jahrhunderte zum Islam konvertierten. Nach der Gründung des Staates Israel 1948 verließen viele Juden ihre syrische Heimat, um in Israel zu siedeln, doch nicht alle. Bis zum Ausbruch der jetzigen Kämpfe wurde zum Beispiel die Synagoge in Jobar noch von einer kleinen Gruppe Gläubiger besucht. Ismaeliten, die seit Generationen in Jobar gelebt hatten, wurden allerdings von den Aufständischen bedroht und vertrieben. Im Herbst 2012 hatten sich Zivilisten vor den Kämpfen in Jobar in den Parks des benachbarten Viertels Tidjara in Sicherheit gebracht, wo sie von Anwohnern versorgt wurden.

Wie in Tidjara leben auch in Qassa, einem anderen Viertel von Jobar, viele Christen. Die Aufständischen aus Jobar versuchten wiederholt, vom Osten her in die Stadt einzudringen. Mörsergranaten zerstören Wassertanks auf den Häusern und töteten Anwohner. Der Zentralmarkt von Damaskus, Souk al-Hal, wurde von den Aufständischen angegriffen, um die Versorgung der Stadt aus den landwirtschaftlichen Gebieten der Ghouta zu unterbrechen. Nachziehende Kampfverbände marschierten in Barzeh und Qaboun ein, wo sie den zentralen Busbahnhof attackierten. Kämpfer belagerten Zablatani und Dwiela, die Satellitenstädte Arbeen, Douma und Harasta. Die Schnellstraße, die an Douma und Harasta vorbei nach Norden führt, wurde zur Todesmeile.

Fast die gesamte Zivilbevölkerung floh, wie mir eine Frau aus Arbeen in Damaskus berichtete. Sie habe gedacht, nach wenigen Tagen zurückkehren zu können. Doch seit nunmehr einem Jahr hat sie ihre Wohnung nicht mehr gesehen. Ausländische Hilfsorganisationen wie »Ärzte ohne Grenzen« versorgen die wenigen dort verbliebenen Zivilisten.

Der Grüngürtel von Damaskus ist heute Kriegszone, Sammelpunkt von Kämpfern aus allen Landesteilen und auch aus dem Ausland. Mindestens 13 verschiedene Brigaden mit klingenden Namen wie »Harun al-Rashid«, »Schwerter der Wahrheit« oder »Ruhm des Kalifats« kämpfen dort, schrieb die libanesische Zeitung »As Safir«. Am Freitag voriger Woche berichtete sie, dass sich in dem Gebiet zwischen Arbeen, Zamalka und Sakba bis zu 25 000 Kämpfer befinden. Russische Satellitenaufnahmen hätten gezeigt, dass die zwei Raketen, die offenbar chemische Sub-stanzen getragen haben, aus dem Bereich der islamistischen Gruppe »Banner des Islams« abgeschossen wurden. Die Raketen seien selbst gebaut gewesen und in Jobar zwischen den Vierteln Arbeen und Zamalka gelandet. Das russische Außenministerium hat erklärt, über diese These stützende Erkenntnisse zu verfügen, die man dem UN-Sicherheitsrat zuleite.

Am Mittwoch waren die Chemiewaffeninspekteure genau dort unterwegs, laut dpa der wichtigsten Rebellenhochburg im Bezirk östliche Ghouta. Über etwaige Ergebnisse wurde aber bis gestern Nachmittag noch nichts bekannt.

Die Untersuchungen hatten am Dienstag nicht fortgesetzt werden können. Grund seien fehlende Sicherheitsgarantien der Aufständischen für die UN-Experten gewesen, sagte der syrische Außenminister Walid Muallim am Dienstag vor Journalisten. Die Inspektoren hätten sich nicht an Ort und Stelle begeben können, »weil die Rebellen sich nicht auf Garantien für die Sicherheit der Mission einigen konnten«. Von den Rebellen selbst gab es dazu keine Stellungnahme.

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