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Ganz schön Panne

Der Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses zur NSU-Mordserie hat im wesentlichen eines deutlich gemacht: Rassismus ist in diesem Land weiterhin keine gefährliche Haltung, sondern lediglich eine Panne im »System Bundesrepublik«.

Ob Spiegel, Zeit oder Welt: Das Wort »Panne« prägte die Aufarbeitung des rechtsextremen Terrors. Pannen tragen die Schuld am Versagen der Behörden und des Geheimdienstes. Nicht etwa institutioneller Rassismus. Die Worte »Panne« und »Behördenversagen« spielen herunter und verschleiern den Umstand, dass die Mordserie teilweise dem Umfeld der Opfer selbst zugeschoben wurde. Stichwort: Döner-Morde.

Der Duden definiert das Wort »Panne« als eine (Betriebs-)Störung, die Unterbrechung eines regelmäßigen Turnus. In diesem Sinne könnte man behaupten: Die Unterlassung von Ermittlungen seitens der zuständigen Behörden und deren lapidare Schuldzuweisung ins Milieu der Opfer selbst waren eine Betriebsstörung.

Oder anders gelesen: eine klassisch rassistische Interpretationen der Mordserie. Rassismus ist demnach keine schlechte Lebenseinstellung basierend auf pseudowissenschaftlicher Schlussfolgerung, sondern einfach nur eine Störung des alltäglichen Betriebes. Eine Störung, die es zu beheben gilt, um sich anschließend wieder zu vergessen. Rassismus ist jedoch keine Panne.

Panne sind nur die, die das meinen. Dass es behördliches Versagen gab, liegt auf der Hand. Wenn die Einsicht, dass es Versagen gab, die einzige Erkenntnis aus dem Untersuchungsausschuss ist, dann muss man fragen, was die Beteiligten so lange getrieben haben. Warum hat es Versagen gegeben? Was liegt der vermeintlichen »Panne« zugrunde, über die die Medien berichten? Welche Denkweise, welche Motivation, welche »ruhige Kugel«? Was hat dazu verleitet, rechten Terror als »Döner-Morde« in die Geschichte dieser Republik eingehen zu lassen? Welche Anhaltspunkte gab es, die Morde an Türken anderen Türken anzuheften? Gab es Indizien oder waren es einfach nur Ressentiments?

Und es gibt weitere »Pannen«: In Hellersdorf erleben wir derzeit den Versuch einer Kopie von Lichtenhagen. Und in Duisburg organisieren Antirassisten Schutz für Roma, die via Facebook Brandanschläge und Todesdrohungen erhalten. Sind das alles Pannen und Betriebsstörungen? Und wenn die Störung abgeklungen ist, läuft alles wieder völlig reibungslos?

Die Pannenserie geht noch weiter: Die NPD, die im Wahlkampf wieder mal den »Sozialstaat der Deutschen« hofiert und »nationalsozialistisch« ködert, ist so gesehen nur eine Panne im Parteiensystem. Die Haltung ihrer Mitglieder wahrscheinlich lediglich ein bisschen »menschliches Versagen«. Sarrazin fungierte nur als pannenanfälliger Typus eines Sozis.

Und Buschkowsky ist für viele nur der aufklärerische Pannenhelfer aus Neukölln. All das sind ausschließlich Betriebsstörungen in der political correctness. Wenn der Airbag eines neuen Serienmodells ständig ohne Aufschlag oder Rütteln aus dem Lenkrad platzt, dann würde nie jemand auf die Idee kommen, die sich häufenden Vorfälle als eine Pannenserie zu bezeichnen. Man würde von einem fundamentaleren Problem sprechen, die Struktur und den Aufbau hinterfragen und die technologische Systematik des Modells für anfällig erklären.

Beim »rassistischen Airbag«, der den Behörden während der »Döner-Morde« immer wieder heraustrat, ist das aber nicht so. Im ersten Teil seiner Erzählung »Die Panne« kommt Dürrenmatt auf die Idee, in einer Welt der Pannen zu leben. Pannen werde es immer geben. Und so lange es sie gibt, hat er als Literat die Chance, Geschichten zu erzählen. Ist es diese Denkweise, die die Medien dazu verleitet, markig von einer Pannenserie zu sprechen? Wollen sie sich damit nur Geschichten ermöglichen, Stoff zum Erzählen? Oder wollen sie die eine Geschichte dahinter kleinhalten und herunterspielt? Die Geschichte eines Landes, dessen Geschichte nicht gefruchtet hat; das immer noch rassistische Affekte hervorbringt, toleriert und politisch wie institutionell verfestigt?

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