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Die Magie der Gelben Hand

Seit einem guten Vierteljahrhundert läuft die Gewerkschaftskampagne um den markanten Aufkleber - und ist so aktuell wie selten

  • Von Velten Schäfer
  • Lesedauer: 3 Min.

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Nicht immer waren die Gewerkschaften ein Bollwerk gegen Rassismus - bis zum »Asylanten«-Wahlkampf von 1986. Da fand der DGB, es müsse ein Zeichen gesetzt werden. Dieses Zeichen ist noch heute weit verbreitet: die Gelbe Hand vom »Kumpelverein«.

Es war Wahlkampf. Im Januar 1987 wollte die SPD mit Johannes Rau die gerade inthronisierte Kohl-Regierung ablösen, zuvor ging noch Bayern an die Urne. Doch die Union dachte nicht daran, die gerade ausgerufene »geistig-moralische Wende« abzubrechen. So besann man sich auf ein spezielles »geistig-moralisches« Thema: Der Wahlkampf 1986 war der erste, der auf dem Rücken von Flüchtlingen ausgetragen wurde.

Die Töne waren schon damals schrill; der Untergang des Abendlandes dauert nunmehr schon ein gutes Vierteljahrhundert. Da gab es Franz Josef Strauß, der sich Kritik nassforsch verbat. »Da können Sie sich drauf verlassen«, raunzte er auf die Frage, ob die CSU »Asylanten« im Wahlkampf thematisieren werde. Kanzleramtsminister Wolfgang Schäuble verkündete kühl, es gebe »keine Verabredung, dass im Wahlkampf nur über unwichtige Themen gesprochen wird.« Und Helmut Kohl lief zur Wahlkampferöffnung vor 2000 Mandatsträgern in Neumünster auf und stellte »Asylanten« ins Zentrum seiner Rede.

Schon 1986 fiel es der SPD nicht leicht, sich dem zu entziehen. Zwar warnte der Bundestagsvize Heinz Westphal (SPD) tapfer vor »Asylanten«-Parolen, zwar rügte Rau das »Wahlkampfgeklingel« gegen Menschen - doch sah sich die SPD im September 1986 zu folgendem Flugblatt veranlasst: »SPD macht’s möglich: DDR stoppt Asylanten-Transit - Rau und Bahr: Handeln statt Aussitzen!«

Dies war die Stimmung in Westdeutschland, als plötzlich die Aufkleber mit der Gelben Hand auftauchten. Abwehrend streckte sich die dem Betrachter entgegen: »Mach meinen Kumpel nicht an!« Das war anders als die halbherzigen Distanzierungen der SPD. Das war auch nicht so verquast, wie die Grünen damals herüberkamen. Das war offensiv und direkt, das wirkte nicht gestelzt »politisch«, sondern wie mitten aus dem Leben. Kurzum wurde der Aufkleber ein Hit unter Jugendlichen. Noch in den konservativsten Lateinschulen war der Sticker mit der Gelben Hand in den späten 1980ern allgegenwärtig: auf Bänken, in den Klos - und immer wieder an der Tür zum Lehrerzimmer, obwohl er dort allabendlich abgekratzt wurde. 1988 gelang sogar der Coup, den TV-Kommissar Horst Schimanski mit Gelber Hand am Revers ermitteln zu lassen.

Die Geburtsstunde des Aufklebers war der November 1986. DGB-Jugend und DGB-Vorstand gründeten einen Verein, um die Gelbe Hand - Symbol der französischen Kampagne »S.O.S. Racisme« in die Bundesrepublik importierten. Dieser Import war ein Riesenerfolg - nicht zuletzt deswegen, weil er Jugendliche für die Gewerkschaften interessierte, die mit den schwerfälligen Einheitsorganisationen der westdeutschen 1980er eigentlich nicht viel zu schaffen haben wollten. Es waren zu einem nicht unerheblichen Anteil auch die Magie der Gelben Hand und der sogenannte Kumpelverein, die für die sich alternativ aufführende Jugend im ländlichen Raum den DGB zu einem Ansprechpartner machte - und das örtliche Gewerkschaftshaus zu einem akzeptablen Veranstaltungsort für Konzerte oder Partys.

Dabei war die Kampagne auch intern nie ganz unproblematisch. Schließlich sind die Gewerkschaften nie eine Oase gewesen - sondern gesellschaftlichen »Debatten« ebenso unterworfen wie der nächste Schützenverein oder Kegelklub. 2005 ergab eine Untersuchung im Gewerkschaftsmilieu, dass gerade unter ausgebildeten Facharbeitern, dem Kernbestand der Gewerkschaften, hartnäckige rechtsradikale Denkfiguren anzutreffen sind. 20 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder hatten teils hochproblematische Einstellungen, fand eine Forschergruppe um Bodo Zeuner damals heraus. In den 1980er Jahren wird es kaum besser gewesen sein.

Der »Kumpelverein« mit seinem markanten Aufkleber hat also immer auch nach innen gezielt - und ist zum Vorbild für eine Vielzahl gewerkschaftlicher Kampagnen geworden. In den späten 2000er Jahren - wohl auch als Reaktion auf Zeuners Untersuchung - wurde der Verein auf Vordermann und die Gelbe Hand wieder ins Spiel gebracht. Seither ist das Logo wieder häufiger zu sehen - und so aktuell wie eh und je.

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