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Sinfonik aus dramatischer Zeit

Musikfest Berlin: Lutosławski, Britten und Janácek im Konzerthaus

  • Von Liesel Markowski
  • Lesedauer: 3 Min.

Das Programm des diesjährigen Musikfestes Berlin widmet sich nachdrücklich den 100. Geburtstagen von drei bedeutenden europäischen Komponisten: Bartók, Lutoslawski und Britten. Sie alle, wie auch Janácek, haben Wichtiges zur Musikentwicklung beigetragen, sind aber damit wenig im Bewusstsein des internationalen Publikums präsent. So birgt das Angebot dieses Festivals die Chance einer umfassenderen Information und Erlebnistiefe. Bisher Unbekanntes bringt Überraschungen und fördert die Kenntnis neuerer Klänge aus dem 20. Jahrhundert. Insgesamt ein interessantes Programm mit vielen internationalen Gästen und einheimischen Klangkörpern.

Das Berliner Konzerthausorchester bot mit Musiken von Witold Lutosławski (1913-1994), Benjamin Britten (1913-1976) und Leos Janácek (1854-1928) so etwas wie ein Panorama großer Sinfonik aus der ersten Jahrhunderthälfte mit spürbarer Nähe zu den dramatischen Ereignissen dieser Zeit: Krieg, Protest und Umschwung. Leidenschaft orchestraler Kraft bestimmte die Mehrheit der Stücke. Unter Leitung des israelischen Dirigenten Ilan Volkov bewährten sich die Musiker in zumeist großer Besetzung mit Akkuratesse und opulenter Klangkultur.

Allein das Einstiegsstück von Lutosławski »Jeux vénitiens« (Venezianische Spiele») von 1960/61 wurde für die kleinere Besetzung eines Kammerorchesters geschrieben. Uraufgeführt wurde es im Rahmen der Biennale von Venedig. Eine Musik der diffizilen leisen Art, die ihre spielerische Gestik aus begrenzter Aleatorik (einer gewissen individuellen Improvisationsfreiheit) schöpft, doch auch deftige Ausbrüche des Blechs kennt, aber zumeist gleichsam vor sich hin träumt. War sie klingende Anregung für die Betrachtung der Biennale-Bilder?

Im weiteren ging es dann zum überbordenden sinfonischen Vollklang mit teilweise fast erschlagender Lautstärke. Ein anstrengendes Hörerlebnis. Brittens Klavierkonzert op. 13 von 1938 (überarbeitet 1945) mit vier Sätzen steigert sich zu einem überlauten Klangspektakel. Der junge britische Pianist Benjamin Grosvenor agierte mit brillanter Virtuosität temperamentvoll und fröhlich in der beginnenden «Toccata», lyrisch im folgenden «Waltz», um dann immer schwieriger der orchestralen Macht standzuhalten. «Impromptu» und «Marsch» gerieten in eine knallige Klangwoge, die das Solospiel nicht selten überdeckte. Hat der Dirigent mit seiner leidenschaftlichen Aktion die Proportionen missachtet?

Ilan Volkov war intensiv um Ausdruck bemüht und gab den Stücken markante Konturen. Allerdings schien die Werkauswahl einseitig die große ausufernde Akklamation zu betonen. Sanfter allerdings Brittens «Sinfonia da Requiem» op. 20 von 1940, dem Andenken seiner Eltern gewidmet, aber zugleich der Kriegswirklichkeit verbunden. Das eindringlich klagende «Lacrymosa», das frenetisch sich aufbäumende «Dies irae» und das expressive «Requiem eternam» waren als instrumentale Variante des vokal bekannten Totengesangs zu erleben.

Dann kam die Sprache des Krieges zur erschlagenden Wirkung. Janáceks «Taras Bulba», Rhapsodie für Orchester, von 1915-1918 reflektiert das Unheil dieser Zeit nach einer Erzählung von Nikolai Gogol über den Glaubensstreit zwischen orthodoxer Kirche, Islam und Katholizismus, stellvertretend für Machtstreit zwischen polnischen Königen, russischem Zaren, osmanischem Sultanat und Völkern wie Kosaken und Tartaren. Taras Bulba, Kosakenhauptmann, und seine Söhne sind beteiligt im Kampf gegen die Polen. Liebesgeschichte eines der Söhne im feindlichen Lager, Familientragödie mit Tötung des jüngeren durch Taras, dem Vater, Hinrichtung des anderen Sohnes und Gefangennahme Taras Bulbas.

Janáceks Vertonung ist von faszinierender Dramatik und äußerster klanglicher Differenzierung. Das Ganze führt in eine Klangorgie mit Orgel und Glocken als überwältigende Apotheose. Großartige Leistung. Reichlicher Beifall. Doch hätte vor dem Janácek-Werk weniger opulente Musiken erklingen sollen. In gespielter Folge erschien das Programm zu lang und ermüdend.

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