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Verspielt Berlin sein kulturelles Kapital?

Die Kulturförderung gerät immer mehr aus dem Lot

  • Von Izabela Dabrowska-Diemert
  • Lesedauer: 4 Min.

Der kreative Geist und die vielfältige Kunst- und Kulturszene Berlins sind längst zum Markenkern der Stadt geworden. Sie ziehen mittlerweile Millionen von Touristen in die Stadt. Laut einer Studie des Tourismusportals »visitBerlin« kommen 75 Prozent aller Besucher genau aus diesem Grund in die Stadt. 2012 konnte Berlin fast 25 Millionen Übernachtungen verbuchen und zählte somit nach Paris und London zu den Top-3-Destinationen in Europa.

Seit Jahren ist die deutsche Hauptstadt zudem eine Attraktion für Unternehmen aus verschiedenen Kreativbranchen. 2008 belief sich die Zahl bereits auf 29 000 kleinere und mittlere Unternehmen, die einen Umsatz von 22,4 Milliarden Euro erwirtschafteten und damit 16 Prozent des Gesamtumsatzes der Berliner Wirtschaft erzielten, wie in einem Positionspapier der Industrie- und Handelskammer nachzulesen ist. Auch stieg die Zahl der umsatzsteuerpflichtigen Unternehmen seit 2000 um 43 Prozent, bei einem gleichzeitigen Anstieg der Umsätze um 33 Prozent. Somit liegt die Wachstumsrate in beiden Bereichen weit über dem Bundesdurchschnitt, was Berlin hinsichtlich der neuen Zukunftsbranche, deren Bruttowertschöpfung in Deutschland mittlerweile nahezu auf gleichem Stand mit der gesamten Automobilindustrie ist, eine Spitzenposition einnehmen lässt.

Daran waren Tausende Kulturschaffende aus Kunst, Architektur, Design, Literatur, Theater und Tanz sowie Musik der sogenannten Freien Szene beteiligt. Über die Jahre realisierten sie nicht nur unzählige Projekte, sondern professionalisierten sich auch immer mehr und etablierten kulturelle Einrichtungen von internationalem Rang und einer hohen künstlerischen Qualität. Zu diesen Orten gehören beispielsweise die Kunstwerke, das Radialsystem V oder die Sophiensaele, die sich, wie 90 Prozent des gesamten Berliner Kulturspektrums, in freier Trägerschaft befinden. Rund 95 Prozent aller Kunst- und Kulturschaffenden arbeiten in der Hauptstadt in freien Strukturen und sind nicht an den institutionell geförderten Opern- und Theaterhäusern oder Museen und anderen Kultureinrichtungen angestellt. Ihnen kommen nach dem aktuellen Entwurf des Doppelhaushalts 2014/15 jedoch gerade einmal 2,5 Prozent des gesamten Kulturetats zugute; das sind zehn von insgesamt 395 Millionen Euro.

Dass hier ein massives Ungleichgewicht herrscht, liegt auf der Hand. Noch drastischer lässt sich dies anhand von Stundenlöhnen um die drei Euro in den darstellenden Künsten der freien Spielstätten vor Augen führen oder durch die Tatsache, dass das durchschnittliche Jahreseinkommen der Betroffenen um die 40 Prozent unter dem aller Arbeitnehmer in Deutschland liegt, einschließlich geringfügig Beschäftigter. Dass sich die prekäre Situation dieser Menschen in Berlin zudem angesichts steigender Lebenshaltungs- und insbesondere Mietkosten, die die Kehrseite der weiter oben beschriebenen positiven Entwicklungen darstellen, weiter verschärft, ist ebenfalls offenkundig. So stiegen die Gewerbemieten zwischen 2006 und 2012 um bis zu 15 Prozent, während sich Wohnungen bei Neuanmietung seit 2005 fast auf das Doppelte verteuerten. Das resultiert nicht selten in solch absurden Zuständen, dass eine Kultureinrichtung bis zu 75 Prozent ihrer Fördermittel für die Miete investieren muss und somit kaum Geld für das Programm, geschweige denn faire Gagen und Löhne, übrig bleibt.

Es überrascht daher nicht, dass die 2012 gegründete Koalition der Freien Szene, die auf diese Missstände und Fehlentwicklungen aufmerksam machen will, von einem drohenden »Kollaps« der Freien Szene spricht. Angesichts der seit Jahren stagnierenden Mittel für die Freie Szene und der aktuellen zähen Verhandlungen über diese trifft Christophe Knoch, der Sprecher der Koalition, mit seiner Einschätzung, dass der Senat die Stadt nicht mehr verstehe, voll ins Schwarze. Kulturstaatssekretär André Schmitz deklarierte die Sicherung der Zuwendungen »auf bisherigem Niveau« indes als Erfolg. Die Freie Szene fordert dagegen, dass 50 Prozent der geplanten City Tax für freie Projekte verwendet werden sowie eine zusätzliche Erhöhung der Mittel um 17 Millionen Euro jährlich, was im Übrigen weniger als der Hälfte des durch den Berliner Großflughafen monatlich verursachten Defizits entspricht.

Die momentane Haltung der Regierungsparteien, die noch 2011 in ihrem Koalitionsvertrag erklärten, dass der kulturelle Reichtum Berlins »unser Kapital« sei und dass Kunst, Kultur und die Kreativszene »zu den zentralen Grundressourcen der Stadt« gehörten und die Freie Szene daher verstärkt gefördert werden solle, muss schlicht als heuchlerisch oder schizophren bezeichnet werden. Dabei sprechen die Zahlen und Fakten eindeutig für sich, so dass hier nicht von einem Missverständnis die Rede sein kann; vielmehr handelt es sich um Ignoranz und einen mangelnden politischen Willen.

Noch ist Berlin mit seiner kulturellen Vielfalt, welche die internationale Anziehungskraft der Stadt begründet, dem Stadtentwicklungsforscher Ares Kalandides zufolge eine wahrhaftig kreative Stadt. Aber genau dieses Charakteristikum, das vielfach inflationär gebraucht wird und das nahezu jede Stadt heutzutage für sicht reklamieren möchte, droht zu einer leeren Hülse zu verkommen. Berlin hat mehr als nur ein Image zu verlieren.

Aktionen

21. September, 18 Uhr
»Treibt die Politik die Kunstproduktion in Berlin früher als später in den Stillstand?«,
Podiumsdiskussion im Rahmen der Preview Berlin
Alte Opernwerkstätten, Zinnowitzer Straße 9, 10115 Berlin

24. September, 16 Uhr
Vom Wert der Künstlerischen Arbeit,
Uferstudios, Studio 2
Uferstraße 8/23, 13357 Berlin

28. September, 16 Uhr
Abschlusskundgebung
»Protestfest« der Kampagne,
Schlossplatz, 10178 Berlin

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