Zögerliche Profiteure

Modefirmen sollen Opfer in Bangladesch entschädigen

  • Von Marc Engelhardt, Genf
  • Lesedauer: 3 Min.
In Genf wird ab heute über Entschädigungen für die Opfer zweier Unfälle in Bangladeschs Textilindustrie verhandelt. Gewerkschaften und Campaigner fordern Millionen von westlichen Modefirmen, die von den prekären Arbeitsbedingungen profitieren.

Es war der schwerste Industrieunfall in der Geschichte Bangladeschs: Am 24. April stürzte ein neunstöckiges Gebäude unweit der Hauptstadt Dhaka in sich zusammen. Unter den Trümmern starben 1127 Menschen. Die meisten waren Schneider und Näherinnen für lokale Textilfirmen, die westliche Marken mit Billigware beliefern. Die Empörung war groß, auch bei den Modefirmen in Europa und den USA, die von den katastrophalen Bedingungen im Rana Plaza nichts gewusst haben wollten. Dabei war es nicht der erste Vorfall dieser Art: Im November 2012 brannte die Fabrik von Tazreen Fashions nieder, 112 Arbeiter kamen ums Leben. Nach dem ersten Alarm hatte der Besitzer den Arbeitern befohlen, zu ihren Nähmaschinen zurückzukehren.

In beiden Fällen hatten die Hinterbliebenen nicht nur mit dem Verlust von Angehörigen zu kämpfen - meist verloren sie auch den Hauptverdiener und leiden seitdem Not, ebenso wie die mehr als 2500 Verletzten. Versprochene Entschädigungen seien bislang ausgeblieben, kritisiert die Vizegeneralsekretärin des internationalen Gewerkschaftsverbandes IndustriALL, Monika Kemperle. Sie hat Modefirmen wie KiK, Benetton, Mango oder C&A nach Genf geladen, um heute und morgen über Kompensationen in Millionenhöhe zu verhandeln. »Firmen, die die Zustände in ihrer Produktionskette in Bangladesch ernst nehmen, können damit ihre Ehrlichkeit unter Beweis stellen«, so Kemperle.

Doch das Interesse daran ist gemischt. Auch am Vortag der Gespräche, die von der in Genf ansässigen Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) moderiert werden, stand die Gästeliste noch nicht fest. »KiK hat uns erst gestern zugesagt«, berichtet Frauke Banse von der Kampagne für Saubere Kleidung. Andere Unternehmen winkten ganz ab: »Manche behaupten, sie wussten nichts von ihren Zulieferern, andere sagen, wir kommen erst, wenn die Großen kommen.« US-Gigant Wal Mart etwa reagierte auf frühere Einladungen überhaupt nicht.

Kemperle und Banse berufen sich auf das 1964 verabschiedete Übereinkommen über Leistungen bei Arbeitsunfällen, das Bangladesch jedoch nicht unterzeichnet hat. Nach den Leitlinien stünden den Opfern und Hinterbliebenen des Unglücks im Rana Plaza 54 Millionen, denen von Tazreen 4,3 Millionen Euro zu, so die Berechnung der Gewerkschafter. Jeweils 45 Prozent davon sollen die Modeunternehmen tragen. »Die Opfer und Hinterbliebenen haben einen verbrieften Anspruch auf diese Summen, es geht hier nicht um Almosen«, so Banse. »Adler Modemärkte etwa sagt, man werde spenden. Zum einen ist jedoch die konkrete Verwendung unklar, zum anderen geht es uns um einen koordinierten, transparenten Prozess auf der Basis des Völkerrechts.«

Auch die ILO, die sich inhaltlich nicht in die Gespräche einmischen will, befürwortet ein zentrales Vorgehen. »Es gibt die eine oder andere Hilfsinitiative, aber man muss das dringend zusammenführen, damit man den Gesamtüberblick hat«, so ein Sprecher. Zwei Tage sollen die Gespräche in Genf dauern, je einer pro Unglück. »Am Ende haben wir dann hoffentlich einen verbindlichen Fahrplan dafür, wie der weitere Prozess der Entschädigungszahlungen aussieht«, hofft Banse. Zwölf Firmen hatten bis Dienstagmittag ihr Kommen zugesagt, bei weiteren zwanzig war die Teilnahme aber noch unklar. Doch auch die will Banse noch an den Gesprächstisch bringen, notfalls unter dem Druck der öffentlichen Meinung. »Wir geben nicht auf, bis alle ihren Verpflichtungen nachkommen.«

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