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Dokumente in Flammen

Mit einer »Provakation gegen die Gleichgültigkeit« will ein gebürtiger Spanier die Erinnerung wachhalten

  • Von Ralf Streck, Madrid
  • Lesedauer: 4 Min.
Miguel Herberg gehörte dem Filmteam an, das in Chile nach dem Putsch Bild- und Tondokumente aufnahm. Kürzlich verbrannte er Teile des Materials - gegen das Vergessen.

Es ist ein heißer Sommermorgen in Madrid. Auf dem Weg nach Rom und in seine Wahlheimat China hält sich der Mann, der die Reihen chilenischer Putschisten infiltrierte, in der spanischen Hauptstadt auf. Mit deren ungewollten Hilfe konnten ihre Verbrechen und die Konzentrationslager Chacabuco und Pisagua aufgedeckt werden. Im Künstlercafé »Gijón« beschreibt Miguel Herberg seinen Kampf gegen das Vergessen.

Im weißen Sommeranzug, auf den Stock gestützt, steht der 70-Jährige an der Theke des Cafés, das den Namen seiner Geburtsstadt in Asturien trägt. Er trinkt ein kühles Bier. »Alkoholfrei, leider«, sagt der Anarchist und Filmemacher. Eine Krankheit hat ihm zwar den Alkohol geraubt, doch nicht die Schläue. Heute leitet er eine Firma in China, die Zeichentrickfilme produziert.

»Es geht um die Rückgewinnung des historischen Gedächtnisses, das wir weder hier in Spanien noch in Chile haben«, sagt Herberg. Er sitzt vor der braunen Holztäfelung im Gijón und beschreibt seine »offene Provokation«. Im März 2012 verbrannte er Filmmaterial und Dokumente im spanischen Morille. Die Asche und Filmrollen wurden feierlich auf dem dortigen »Friedhof der Kunst und Kultur« bestattet, »weil niemand sich dafür interessiert«. Bei Salamanca sei ein »Mahnmal« entstanden, benutzt er die deutsche Sprache seines Großvaters, »weil es auf Spanisch dafür keinen Ausdruck gibt«.

Die Bestattung von Material, das die USA, die Bundesrepublik und Chile für den Sturz und Ermordung Allendes verantwortlich macht, wirkte gegen das Vergessen. »Ich bin nicht so verrückt, wie man mich darstellt«, sagt der Mann mit dem grauen Strubbelbart verschmitzt. Er erzählt, dass »Sicherheitskopien all meiner Materialien in Tresoren bei Notaren liegen«, die nur legitime Erben »ausgraben« dürfen.

Herberg lacht, weil Ignoranz erneut seiner Sache diente. Vor allem in Chile war die Empörung über die Verbrennung groß. Intellektuelle, die sich »mit einem repressiven System« arrangiert hätten, »sind wie Hyänen über mich hergefallen«. Dabei hatte Herberg sein wertvolles Material auch der Stiftung Salvador Allende und anderen Institutionen angeboten, die aber nie Interesse gezeigt hätten. »Plötzlich wurde aber über das historische Gedächtnis geredet«, sagt er, und Opfer der Diktatur dankten ihm dafür. »Ich glaube, das ist der große Triumph der Aktion.« Die Provokation habe gewirkt.

1972 hatte er sich in Rom auf das Unternehmen eingelassen. Dort lebte Herberg, nachdem er als 13-Jähriger der franquistischen Diktatur in Spanien entwischte und sein vorheriges Exilland Frankreich ihn ausgewiesen hatte, nachdem auch er im Mai 1968 auf Pariser Barrikaden war.

Aus Italien schrieb er als »miguel« für das Neue Deutschland und war Korrespondent für den DDR-Auslandspressedienst. Für das italienische Fernsehen RAI, in dem die starke Kommunistische Partei (PCI) Einfluss hatte, drehte er auch Filme über die DDR. In Rom traf er auf Roberto Rosselini, einem der bedeutendsten Regisseure der Filmgeschichte. Der hatte 1971 ein Interview mit Allende geführt und sah einen Putsch aufziehen. Er überzeugte ihn, in Chile verdeckt zu recherchieren. Ostberlin habe dafür technische und finanzielle Hilfe zugesagt, so Herberg.

General Pinochet ließ im Januar 1974 das Team, zu dem der bundesdeutsche Peter Hellmich (Kamera) und der Österreicher Manfred Berger (Ton) gehörte, in die Atacamawüste fliegen. Dort, in Chacabuco und Pisagua, wurden Regimegegner interniert, gefoltert und ermordet. Das Team sammelte so viele Namen wie möglich. »Nach ihrer Veröffentlichung konnte niemand behaupten, sie seien untergetaucht.« Die Diktatur hatte sie verschwinden lassen.

1975 kam es zum Bruch mit den alten Kollegen. Herberg klagte erfolgreich vor einem italienischen Gericht, um eine Uraufführung eines Films des Studio H & S zu verhindern. Er beanspruchte die alleinige Autorenschaft.

Herberg hofft, dass in einer »intelligenteren Zukunft« das Material »ausgegraben« wird. Die historische Erinnerung ist für ihn Voraussetzung für den »offenen Kampf gegen alle Systeme«, die Menschen die Freiheit nehmen. Als Erben seines Materials hat er das »chilenische Volk« und nicht die Regierung bestimmt. Für ihn wird das Volk von den Komitees ehemaliger Konzentrationslagerinsassen vertreten. Bedingung für die Ausgrabung ist: Das Los aller 3000 Verschwundenen in Chile zu klären und die 150 000 Opfer der Franquisten, die bis heute in Massengräbern liegen, zu exhumieren und zu rehabilitierten. Denn in seiner Heimat sind die Probleme mit der Straffreiheit für Putschisten und der Erinnerung an ihre Opfer vielleicht noch größer als in Chile.

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