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Briten würden Merkel wählen

  • Von Gabriel Rath, London
  • Lesedauer: 3 Min.
Großbritannien beobachtet den deutschen Bundestagswahlkampf intensiv, aber nicht unbedingt objektiv. Die Briten wollen wissen, wer neuer Juniorpartner von Angela Merkel wird und welche Auswirkungen dies auf die Insel hat. Das Deutschland-Bild hat sich über die Jahre gewandelt.

Deutschland ist besonders. Mit Ausnahme der Entscheidung über den amerikanischen Präsidenten locken Wahlen im Ausland in der britischen Öffentlichkeit in aller Regel bestenfalls ein gelangweiltes Gähnen hervor. Nicht so die Bundestagswahl in knapp zwei Wochen, die von Politik und Medien mit großem Interesse verfolgt wird. Denn wird zwar allgemein ein klarer Sieg von Bundeskanzlerin Angela Merkel erwartet, scheint den Beobachtern ansonsten noch sehr Vieles ungewiss: »Das einzige, das sicher ist, ist, dass sie im Amt bleiben wird«, schreibt etwa die »Times«.

Dabei interessieren die Briten nicht die deutschen Wahlkampfthemen: »Ein Vegetarier unter Kannibalen« schrieb die »Financial Times« dazu, dass Deutschland über fleischfreie Tage diskutiert, während die Welt um Syrien ringt. Im Mittelpunkt steht die künftige Regierungskonstellation in Berlin allein aus dem Blickwinkel, welche Folgen für die Londoner EU-Politik zu erwarten seien.

Schließlich reklamiert Premier David Cameron unablässig Merkel als seine Verbündete im Kampf um eine Reform der Union. Von einer Fortsetzung der Koalition mit den Liberalen erwartet sich die britische Regierung mehr Verständnis als von einer Rückkehr der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) an die Macht. Selbst in der Labour Party geben aber viele Merkel als »sichere Wahl« den Vorzug.

Wie Merkel wirklich über Camerons EU-Pläne denkt, weiß nur die Kanzlerin. Das hindert die Europa-feindliche Tory-Presse aber nicht daran, jede Mücke zu einem Elefanten zu machen. Aus Merkels Bemerkung, vielleicht sei es Zeit »etwas zurückzugeben« von Brüssel an die Nationalstaaten, schmieden Blätter wie »Daily Telegraph« oder »Daily Mail« sofort eine »Allianz Cameron – Merkel.«

Umgekehrt sehen auch linke und liberale Beobachter Deutschlands in erster Linie, was sie sehen möchten: »Ehe wir in weitere Hysterie über Europa verfallen, sollten wir einmal sehen, wie es die Deutschen machen.«, schreibt der »Guardian«-Kolumnist Martin Kettle. »Ohne rosarote Brillen zu tragen, muss man einfach zugeben, dass Deutschland weiter viele der großen Dinge richtig macht, die wir sehr falsch angehen.«

Nachdem man sich mehr als 50 Jahre immer lahmeren Kriegswitzen hingegeben hat, zeigen viele Briten heute Anerkennung für Deutschland. Im August strahlte die BBC zur besten Sendezeit eine Dokumentation darüber aus, wie sich die deutsche gegen die britische Motorindustrie durchsetzte. Der Titel kam einer Verbeugung gleich: »Das Auto«.

Nicht verstanden haben die Briten hingegen die aktuelle deutsche Energiepolitik. Kaum eine Woche vergeht, in der sich der »Economist« nicht über die nach Meinung des Magazins dirigistische, teure und
unsinnige Energiewende mockiert. Doch auch hier meint man: »Die deutschen Wahlen mögen enttäuschend langweilig sein, aber ein verlässlicher deutscher Partner ist keine schlechte Sache.« ce

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