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Selbstermächtigung?

Bilanz des »wilden« Opel-Streiks 2004

Der sechstägige Streik im Bochumer Opelwerk hat im Oktober 2004 für Aufsehen gesorgt. Schließlich werden auch in Teilen der Linken Arbeitskämpfe als Ereignisse aus einer anderen Zeit angesehen. Willi Hajek und Jochen Gester gehören zur kleinen Gruppe linker Gewerkschafter, die die Arbeiterklasse nicht rechts liegen gelassen haben. Aber ihre langjährige Basisarbeit verhindert auch, dass sie das Proletariat verklären. Ihr Buch hat davon profitiert. Sie interviewen Bochumer Streikaktivisten aus verschiedenen Generationen. Dabei gehen die Gespräche weit über die Streikereignisse hinaus. Ältere erinnern sich noch an die späten 70er Jahre, als linke Gewerkschafter zu Chaoten und Terroristenfreunden gestempelt wurden. Daran waren nicht nur konservative Medien, sondern auch sozialdemokratische Gewerkschaftsfunktionäre beteiligt. Besonders verdächtig waren Kollegen, die von der Universität in den Betrieb gegangen sind. Wolfgang Schaumburg gehörte dazu. Der Theologiestudent ging als Maoist an die Opel-Werkbank und kehrte nicht nach wenigen Jahren an die Uni zurück. Er wurde einer der Köpfe der linken Kollegengruppe »Gegenwehr ohne Grenzen« (GoG). Viele der Interviewpartner kommen aus diesem Kreis. Wer bei den »sechs Tagen der Selbstermächtigung«, wie die Herausgeber den Streik nennen, sprühenden historischen Optimismus erwartet, wird enttäuscht sein. Im Gegenteil: es gibt kaum einen Gesprächspartner, der ein gutes Wort für die IG Metall findet. Der GoG-Aktive Manfred Strobel, der nach 28 Opel-Jahren einen Aufhebungsvertrag unterschrieben und ein Studium begonnen hat, nennt die Gewerkschaften einen »Bewusstseinsverhinderungsapparat« und propagiert den Massenaustritt. Wenn er auch zugibt, keine Alternative zu haben. Es sind die klugen Fragen des Interviews, die diese Haltung als Frust eines Enttäuschten kenntlich machen. Schließlich hat die Gewerkschaftsspitze den Streik nicht unterstützt, sondern auf ein schnelles Ende gedrängt. Auch die Ergebnisse werden unterschiedlich interpretiert. Für die IG Metall wurden respektable Abfindungen erzielt. Für viele GoGler war es aber eine Niederlage. »Arbeitest du noch oder zählst du schon?« war das geflügelte Wort, als in der Belegschaft über die Abfindungen diskutiert wurde. Danach war an eine Fortsetzung der Kampfmaßnahmen nicht mehr zu denken. Doch viele Interviewte räumen ein, dass das Ergebnis kein Diktat war, sondern in der Belegschaft auf Zustimmung stieß. Eingerahmt sind die Gespräche von einer knappen Geschichte der gar nicht so seltenen »wilden Streiks« in Westdeutschland und einigen Überlegungen zum Kampf gegen Werkschließungen des Bochumer Arbeiterintellektuellen Robert Schlosser. Wenn man sich bei den Interviews auch manchmal etwas mehr inhaltliche Präzision gewünscht hätte, ist das Buch doch sehr empfehlenswert. Jochen Gester / Willi Hajek (Hg.): Sechs Tage der Selbstermächtigung. Der Streik bei Opel in Bochum Oktober 2004. Berlin, 2005, 226 Seiten, 10 Euro.

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