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Europas verlorene Generation?

Immer mehr Jugendliche bleiben ohne Perspektive

  • Von Katharina Strobel, Brüssel
  • Lesedauer: 3 Min.
Es ist die jüngste Schreckensmeldung einer langen Serie schlechter Nachrichten: Mit 39 Prozent arbeitslosen Jugendlichen erreicht Italien ein neues Rekordhoch. Seit in Europa die Krise wütet, stehen auf dem Kontinent immer mehr Jugendliche auf der Straße. Was tun derweil die EU-Institutionen, um Europas Jugend aus der Misere zu helfen?

Im Vokabular der EU-Kommission haben sie einen Namen, der fast sexy klingt: NEETs. Es ist aber kein Begriff einer neuen hippen Generation, sondern ein Akronym mit folgender Bedeutung: »not in education, employment or training«, heißt also »weder in Schule oder Uni, noch in Beschäftigung oder Ausbildung«. 7,5 Millionen NEETs identifizierte die EU-Kommission in der ersten Jahreshälfte 2013 in Europa. 7,5 Millionen Einzelschicksale, 7,5 Millionen Jugendliche unter 25 Jahren ohne Perspektive.

Es sieht so einfach aus auf der Webseite der Kommission: »Es gibt Lösungen«, verspricht eine freundliche weibliche Stimme in einem Werbespot, »es wird niemand vergessen«. Eine von der Kommission angepriesene Lösung des gigantischen Problems sind so genannte Jugendgarantie-Projekte. Die Initiative will erreichen, dass jeder Jugendliche unter 25 spätestens vier Monate nach Schulabschluss oder nach Verlust eines Arbeitsverhältnisses wieder im Beruf steht.

Der Haken: Die EU Staaten sollen es richten. Aber woher kommen die Jobs? Während Deutschland mit 7,6 Prozent Jugendarbeitslosigkeit im europaweiten Vergleich sehr gut dasteht, erreichen Spanien und Griechenland weit über 50 Prozent. Auch hier weiß die Kommission Rat. Drei Milliarden Euro will sie aus dem Sozialfonds loseisen und der gebeutelten Jugend zugute kommen lassen. Sie hofft, dass die Mitgliedsstaaten den Betrag ihrerseits um mindestens dieselbe Summe aufstocken. Die Gelder sollen vor allem in Regionen fließen, in denen die Arbeitslosigkeit über 25 Prozent liegt.

Werde der Jugend nicht geholfen, so heißt es in der Kommission, stünden den Mitgliedsstaaten weit höhere Kosten ins Haus, davon abgesehen, dass jeder Beschäftigte in Form von Steuern die Staatskassen wieder auffüllt. Zu Bedenken gibt die Kommission auch die emotionalen Folgen einer Arbeitslosigkeit, von »Narben« ist die Rede und der Gefahr der sozialen Ausgrenzung.

Den Europaabgeordneten gehen die Jobgarantie-Projekte der Kommission nicht weit genug. In ihrer jüngsten Plenartagung in Straßburg gaben sie zu verstehen, dass es einer umfassenden Strategie bedürfe. Unternehmen sollten unterstützt und Unternehmergeist gefördert werden, erklärt die konservative polnische Abgeordnete Joanna Katarzyna Skrzdlewska. Auch die Ausbildungssysteme sollten verbessert werden. Für Praktika wünschen die Volksvertreter sich bessere Anerkennung und EU-weite Qualitätsstandards für Vergütung, Arbeitsbedingungen, Gesundheit und Sicherheit.

Ein weiteres Anliegen ist ihnen die Mobilität innerhalb Europas. Um den europäischen Gedanken voranzubringen, aber auch um vorhandene Chancen zu nutzen. Zwei Millionen Stellen sind in Europa zu besetzen. Mit der Mobilitätsplattform EURES (European Employment Services) hat die EU-Kommission in dieser Hinsicht einen Anfang getan. EURES ist ein Kooperationsnetz der öffentlichen Arbeitsverwaltungen, deren Ziel es ist, Arbeitnehmer über Landesgrenzen hinaus zu vermitteln.

Für Andre Sapir sind Initiativen dieser Art ein Tropfen auf den heißen Stein. »Wenn es keinen wirtschaftlichen Aufschwung gibt, gibt es auch keine neuen Jobs«, sagt der Wirtschaftsprofessor an der Freien Universität in Brüssel, der dem früheren Kommissionspräsidenten Romano Prodi als Berater zur Seite stand. Das Problem der Jugendarbeitslosigkeit reflektiere nur die Situation der Länder insgesamt. Da, wo die Wirtschaft am Boden liege, sei auch die Arbeitslosigkeit hoch. Einen Grund zur Sorge habe Europa allemal, urteilt der Wirtschaftsexperte.

Sapir befürchtet, dass die Wirtschaftskrise eine Generation »verlorener Europäer« hervorbringt. »Das Wachstum ist zu gering. Auch wenn es erste positive Anzeichen gibt und die Situation in einigen Ländern, wie Deutschland, nicht so schlecht ist. Optimistisch bin ich noch lange nicht«, urteilt der Belgier. Die Regierungen und europäische Institutionen müssten bessere Bedingungen für ein Wachstum schaffen, mehr Nachfrage innerhalb Europas generieren, zum Beispiel.

Viele Programme gegen Arbeitslosigkeit dienten dazu, die Statistiken der Länder zu verschönern, so Sapir, nicht aber dazu, die Arbeitslosen wirklich zu integrieren und neue Jobs zu schaffen. »Nur so haben wir eine Chance«, glaubt er.

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