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Nichts für Ängstliche

Artabana: Gegenseitige Hilfe im Krankheitsfall

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Anna S. ging bisher selten zum Arzt. Aus verschiedenen Gründen: Sie ist Heilpraktikerin und setzt sich kritisch mit der (Hoch-)Schulmedizin auseinander. Bisher konnte sie sich im Krankheitsfall selbst helfen. Außerdem hat sie bei der privaten Versicherung, zu der sie als Freiberuflerin gezwungen ist, einen sehr hohen Selbstbehalt, den sie nur im äußersten Ernstfall ausgeben will. Die 57-Jährige ist nicht bereit, jeden Monat viel Geld für ein Gesundheitssystem zu bezahlen, das sie nicht in Anspruch nimmt und in dem sie etliche Angebote für überflüssig bis schädlich hält.

Angesichts der hohen Versicherungsprämien für Menschen in ihrer Situation suchte Anna S. nach einer Alternative für den Notfall. Die Berlinerin erfuhr von Artabana, einer Solidargemeinschaft, die eine andere Gesundheitsvorsorge will als sie in der Bundesrepublik heute üblich ist. Sie fand eine Ortsgruppe in ihrer Nähe, ging probeweise zu einigen Treffen und wurde schließlich aufgenommen. Das ist erst wenige Monate her.

Die Legende des Namensgebers Artaban erzählt der amerikanische Schriftsteller Henry van Dyke. Danach kam der »vierte Weise« zu spät zum neugeborenen Jesus nach Bethlehem, weil er unterwegs immer wieder Menschen in Not half. Anstoß zur Gründung der Organisation gab ein Hausbrand in der Schweiz in den 80er Jahren. Der Arzt Roland Koller musste damals erfahren, dass ihm bei seinem Schadensfall nicht die Versicherung unterstützte, sondern seine Nachbarn. Eher einem überschaubaren, lokalen Netz von Menschen zu trauen als anonymen Institutionen - das gehört zur Grundidee von Artabana. So entstand die Organisation erst in der Schweiz, 1999 dann in Deutschland.

Anna S. traf auf ganz verschiedene Menschen, »alles eigenwillige Leute«, vorwiegend Freiberufler mit zum Teil sehr geringen Einkommen. Einige Aussteiger dabei, einige mit normal »bürgerlichen« Berufen wie Lehrer oder Handwerker, auch Künstler - und Lebenskünstler. »Ein unbedingter Wille zur Unabhängigkeit, zu Eigenverantwortlichkeit und zur Wahlfreiheit bei den Therapien eint diese Menschen«, so die Erfahrung der Berlinerin.

Monatliche Treffen und lebendiger Austausch

Von den Artabani gewünscht wird aber nicht nur Alternativmedizin, auch normale ärztliche Leistungen oder Zahnbehandlungen werden genutzt. Die Mitglieder sind alle Selbstzahler, sehen sich im Krankheitsfall als selbstbestimmte Patienten. Sie möchten selbst entscheiden, was sie tun, und diesen Schritt nicht dem Staat, einer Versicherung oder Ärzten (allein) überlassen. Nur in der Not stellen sie in ihrer Gruppe einen Antrag auf Übernahme von Therapiekosten. Hierfür gibt es jedoch keinen Anspruch - die Gruppe entscheidet immer zusammen. Ist sie finanziell überfordert, kann bei anderen Gruppen oder auf regionaler Ebene Unterstützung erbeten werden, seltener auch beim bundesweiten Solidarfonds.

Da die etwa 150 existierenden Gruppen meist weniger als 20 Mitglieder zählen, ist nicht immer über Zahlungen aus der gemeinsamen Kasse zu entscheiden. Bei den Treffen, die etwa einmal im Monat reihum stattfinden, geht es um die Situation jedes Einzelnen, durchaus über gesundheitliche Fragen hinaus. Jeder erzählt von sich, auch von beruflichen oder familiären Problemen, es wird zusammen gegessen. »Wir kennen uns sehr gut«, fasst Anna S. das zusammen. Thematisch gibt es keine Einschränkungen, auch nicht in Fragen politischer oder religiöser Zugehörigkeit. Es geht nicht nur um Hilfe in gesundheitlichen Nöten, sondern um einen lebendigen Austausch untereinander.

Vertrauen ist wichtiger als Wachstum

Alle geben im Monat einen bestimmten Betrag für ihre Gesundheit selbst aus: Sei es für Medikamente oder für einen Entspannungskurs. Einen weiteren Betrag zahlen sie in die gemeinsame Kasse. Für die Hilfe im Notfall stehen finanzielle Mittel nicht zentral, sondern »überwiegend in Eigenverantwortung der einzelnen Gruppen zur Verfügung«. Das schrieb Beate Küppers, ehemaliges Vorstandsmitglied, 2012 in einem Sammelband über Gemeingüter. Die Gemeinschaft setzt darauf, dass sich die Mitglieder untereinander vertrauen, einen guten Weg auch im Krankheitsfall zu finden.

Seit über einem Jahr ist Artabana offiziell nicht mehr zu »aktiver Öffentlichkeitsarbeit« bereit. Das hat auch damit zu tun, dass nach früherer Berichterstattung ein regelrechter Ansturm auf die Ortsgruppen einsetzte. Aus Sicht vieler Mitglieder wuchs Artabana zu schnell, um das nötige Vertrauen untereinander herzustellen, das die gegenseitige Hilfsbereitschaft erst möglich macht. Im Wesentlichen laufen alle Aktivitäten bei Artabana ehrenamtlich. Manche Interessenten hatten das Konzept auch missverstanden und suchten nur die billige Alternativkrankenkasse.

Mit der Versicherungspflicht für Selbstständige seit 2009 scheint zunächst eine Grenze für die weitere Entwicklung des Artabana-Experiments gesetzt. So ist es für die inzwischen etwa 2000 Mitglieder immer schwerer geworden, bei ihrer bisherigen, meist privaten Versicherung zu kündigen. Auch Anna S. muss weiter in ihrer privaten Kasse bleiben, möchte ihre Artabana-Gruppe aber nicht mehr missen. Beate Küppers schrieb 2012, dass ein Viertel der Mitglieder ergänzend in einer regulären Krankenversicherung ist. Andererseits ist auch der Weg der Organisation hin zu einem tatsächlichen Versicherungsersatz unter den Mitgliedern umstritten. Die einen wollen die Institutionalisierung, die anderen sehen die dazu notwendigen zentralen Strukturen eher mit Misstrauen.

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