Nähe und Abstand

Walter Schmidt spürt Rätseln der räumlichen Psychologie nach

  • Von Simone Schmollack
  • Lesedauer: 6 Min.

Manche Männer können es vielleicht wirklich nicht. Aber die meisten wollen es schlicht nicht - nebeneinander pinkeln. Zumindest glaubt das Walter Schmidt. Er ist ein Mann und allein deswegen prädestiniert dafür, solche Aussagen treffen zu können. Wie oft er in jüngster Vergangenheit Mann neben Mann an der Pissrinne stand, ist zwar nicht bekannt. Aber sein urologisches Wissen hat der Saarbrücker Autor trotzdem in ein Buch gepackt: »Warum Männer nicht nebeneinander pinkeln wollen«.

Darin befasst er sich keineswegs ausschließlich mit Männern und ihren Vorlieben. Vielmehr spürt er zahlreichen »Rätseln der räumlichen Psychologie« nach. Warum reservieren wir gern die eine bestimmte Liege am Pool? Wieso flüstert man in Kirchen? Was reizt Menschen an Trampelpfaden? Und wieso finden die besten Partys in der Küche statt?

Walter Schmidt hat einmal Physische Geografie studiert. Seit Jahrzehnten befasst sich der 48-Jährige also damit, wie sich Menschen in Räumen und im Freien bewegen und warum sie das tun. Das klingt banal, aber täglich müssen Menschen so genannte raumpsychologische Entscheidungen treffen: Geht man bei Rot über die Straße, wenn kein Auto kommt? Wie nah kommt man am besten einem Fremden? Setzt man sich im Café lieber in eine abgeschirmte Ecke oder ans helle Fenster?

Sich im Raum sicher bewegen zu wollen, ist ein Urinstinkt. Der gesamte menschliche Körper und alle Sinnesorgane sind darauf ausgerichtet, sich einen Lebensraum anzueignen und sich Orte zu suchen, an denen sich der Mensch sicher und wohlfühlt. Das war zu Beginn der Menschheit so, und das ist heute nicht anders. Allerdings haben sich der Lebensraum des Menschen und die Bewegungsspielräume verändert. Während der Mensch früher entweder lief oder lag, verbringt er heute die meiste Zeit im Sitzen, und das auch noch vorwiegend in geschlossenen Räumen. Das war von der Evolution ursprünglich nicht vorgesehen. Die Instinkte jedoch, die die Steinzeitmenschen vorantrieben, sollen bis heute erhalten geblieben sein.

Warum aber wollen Männer nun nicht nebeneinander pinkeln? Männer haben, sagt Schmidt, andere, konkretere Revieransprüche als Frauen. Sie dulden es nicht, dass jemand dichter an sie herankommt als die so genannte Intimzone erlaubt. Die beträgt bis zu 50 Zentimeter. Kommt ein Fremder oder jemand, mit dem ein Mann keinen körperlichen Kontakt haben möchte, dichter an ihn heran, fühle sich der Mann bedroht, schreibt Schmidt.

Frauen sollen da lockerer sein. Die fühlen sich offenbar weniger »angegriffen«, wenn ihre Handlungsspielräume eingeengt werden. Sie seien eher bereit, auch wenigen Platz mit anderen Frauen zu teilen, als das Männer mit anderen Männer tun würden.

Neben der Intimzone gibt es noch die »Sozialzone«: ein Abstand zwischen zwei Menschen von etwa 1,2 bis zu 3,5 Metern. Diese Distanz beachten die meisten Frauen und Männer in der Regel ganz von selbst. Wenn man auf der Straße jemanden nach dem Weg fragt, hält man automatisch Abstand. Aber auch dann, wenn man jemanden trifft, den man zwar kennt, aber nicht unbedingt näher. Um die Aufmerksamkeit des anderen zu erregen, tritt man nicht nah an ihn heran, sondern macht durch Rufen oder Winken auf sich aufmerksam. »Das ist in etwa so wie anzuklopfen, bevor man einen Raum betritt«, meint Schmidt.

Die Ursache für das instinktive Abstandwahren liegt - wie so häufig, wenn es um räumliche Psychologie geht - im Tierreich und an den Instinkten, die den Menschen seit der Urzeit beeinflussen. »Man fühlt sich sicher, wenn die anderen weit genug weg sind«, zitiert Schmidt die Psychologin Antje Flade: Tiere verhielten sich ähnlich. »Das Zebra wird einen gehörigen Abstand zum Löwen einhalten; nähert sich der Löwe, wird das Zebra fliehen.« Mit dem Verhältnis von Lebewesen zu ihrer Umwelt kennt sich Flade aus, sie hat mehrere Bücher zu Architektur- und sogenannter Wohnpsychologie geschrieben und untersucht darin vor allem, welche Wirkungen das Umfeld auf den Menschen hat.

Ein Urinstinkt kann Menschen allerdings auch in Bedrängnis bringen. Zum Beispiel, wenn der Herdentrieb bei ihnen durchbricht. Man kennt das: Ein wenig besuchtes Restaurant in Italien meiden die Touristen - weil sie gehört haben, dass leere südländische Kneipen nicht gut sein sollen. Sie haben zwar noch nicht dort gegessen, aber sie gehen trotzdem weiter und suchen in einem vollen Etablissement nach freien Plätzen. Weil nicht schlecht sein kann, was hochfrequentiert ist. »Was die Masse macht, kann so falsch nicht sein«, schlussfolgert Schmidt. Und wenn es sich später doch als falsch herausstellt, weil das Essen vielleicht gar nicht so gut ist, dann tröstet man sich damit, dass man nicht allein den Fehler begangen hat. Schmidt glaubt: »Wenn die Masse irrt, dann sitzt man wenigstens nicht allein im Boot.«

Hinzu kommt, dass niemand gern aus der Masse herausfällt, kaum jemand möchte als Sonderling gelten. Es könnte ja auch sein, dass man »komplett daneben« liegt, dass man beispielsweise glaubt, etwas zu wissen, das sich als falsch herausstellt. Wie ein Depp will niemand dastehen, sagt Schmidt. Der Evolutionspsychologe Benjamin Lange, den Schmidt als Experten heranzieht, sieht im Menschen das »vermutlich sozialste Säugetier«: »Unser Verhalten beeinflusst das Verhalten anderer Menschen, und wir selbst werden vom Verhalten anderer beeinflusst.« Das erklärt, warum andere folgen, wenn jemand bei Rot über die Straße geht - obwohl jeder weiß, dass das den gängigen Regeln widerspricht.

Ebenso verhält es sich mit den »Küchenpartys«. In der Regel stehen in der Küche während einer Party keine Stühle, dafür aber die meisten Gäste. Häufig mit einem Glas Wein oder einem Teller in der Hand und plaudernd. Nun sind seit jeher Küchen gleichermaßen Arbeits- und Gesprächsort, dort wurden Gänse gerupft, Wasser gekocht, Kartoffeln aufgesetzt. Es war warm und behaglich, menschliche Grundbedürfnisse wurden befriedigt. Das hat sich bis heute gehalten. Gemeinsames Kochen ist inzwischen ein Event unter Freunden oder in der Familie, bei der Essenszubereitung werden Neuigkeiten und Befindlichkeiten ausgetauscht. Das hat auch Mütterliches, wie Schmidt findet. Insofern sei es nicht verwunderlich, dass sich selbst viele Partygäste in der Küche am wohlsten fühlen. Schmidt schreibt: »Alles ist in Reichweite, was schon unsere Vorfahren verzückt hätte.«

In diesem Plauderton versucht Schmidt in seinem Buch allerlei Alltagsphänomene zu erklären. Allerdings hält er sein Versprechen nicht in jedem Kapitel ein. So erklärt er beispielsweise nicht wie angekündigt, warum man Bummler besser nicht überholt. Er schreibt etwas von Graugänsen und dass Gruppen »beim Modellieren des Fußgängerverkehrs« wichtig seien. Aber die Antwort auf die Frage, wieso man sich lieber hinter den Trödlern hält, bleibt Schmidt schuldig.

Ohnehin sind manche seiner Schlussfolgerungen schwach formuliert. So endet beispielsweise ein Kapitel über die Zusammenhänge des menschlichen Wohlbefindens in der Natur mit dem Satz: »Wir wählen zwar nicht alle die Grünen, aber Grünes wollen wir ohne Ausnahme.«

Walter Schmidt. Warum Männer nicht nebeneinander pinkeln wollen. Und andere Rätsel der räumlichen Psychologie. Rowohlt Taschenbuch, 256 S., 8,99 €.

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