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Wandern über dem Nebelmeer

Von der Bastei zum Prebischtor - unterwegs durch den Nationalpark Sächsisch-Böhmische Schweiz

Der Regen hat nachgelassen. Immerhin. Klitschnass lehnen wir auf einem Sandsteinplateau hoch über der Elbe an einem Geländer und starren in den dichten Nebel. Gefühlte Sichtweite: drei Meter. Da vorne irgendwo muss die Bastei doch sein: Das Wahrzeichen der Sächsischen Schweiz. Ein zerklüftetes, 300 Meter hohes Felsenriff mit der gemauerten Brücke, die seit 1851 die Schlucht zur uralten Burg Neurathen überspannt. Aber alles, was die Wolken freigeben, ist hie und da ein Fitzelchen Fels.

Nicht mal eine Ansichtskarte mit dem berühmten Motiv können wir kaufen. Der Kiosk neben dem gähnend leeren Panoramarestaurant ist zu. Wie gut, dass wenigstens die Landschaftsmalerei auf einer nagelneuen Schautafel Überblick gewährt. Sie steht genau an der Stelle in der Natur, wo das Originalbild Anfang des 19. Jahrhunderts entstand: Eine Märchenlandschaft mit mächtigen Tafelbergen, wilden Felsklippen und mystischen Schluchten. Das Wetter auf dem Bild ist auch nicht besser als heute. Aber es gibt einen großen Unterschied: Der Maler wandert erhaben über dem Nebelmeer. Wir stehen mittendrin.

Eine Viertelstunde später passiert es auch uns. Der Regen hört auf, die Nebelwand zerreißt. Weiße Schwaden ziehen aus dunklen Tälern, wabern um kühn aufragende Sandsteinformationen, fallen an Steilwänden bis fast zur Elbe hinunter. Sonnenstrahlen setzen sich durch und lassen Wolken von innen schimmern. Was für ein Glück wir haben, nickt sich ein Paar mit Hund zu, außer uns die einzigen Besucher der Bastei an diesem Abend.

Liebespaar in Turnschuhen

Am nächsten Morgen bietet sich ein ganz anderes Bild. Als wir nach dem Frühstück vom Hotel aus die paar Schritte zum Basteiblick vorgehen, sind wir alles andere als allein. Eine Busladung Tagesausflügler, eine alte Dame mit ihrem Mann im Rollstuhl, Familien mit Kinderwagen, eine Schulklasse, ein junges Liebespaar in Turnschuhen, Wandergruppen mit Bergstiefeln: Alle drängen sich am Geländer. Sie gucken hinunter ins Elbtal, das nach dem Hochwasser im Juni wieder so idyllisch aussieht wie immer, auf die Schiffe, die den Strom durchpflügen, auf die Felswelt ringsherum und rufen sich entzückt zu, das sei doch der helle Wahnsinn.

An diesem Wochentag sind das geradezu lächerlich wenig Leute, erfahren wir. »An schönen Sommersonntagen und zumal zur Zeit der allgemeinen deutschen Völkerwanderung, in der Pfingstwoche, ist der Zusammenfluß von Menschen auf dieser wunderschönen Felsplatte so groß, daß kaum einige Erfrischungen und ein Sitzplätzchen zu erlangen sind. Das Treiben ist hier alsdann auch von der Art, daß man sich eher auf einem Jahrmarkt, als auf einem durch seine Naturschönheit ausgezeichneten Punkte zu befinden glaubt«, heißt es in einem Reiseführer aus dem Jahre 1852. Das sieht im Jahr 2013 nicht anders aus. »An Spitzentagen stehen auf dem Parkplatz 165 Busse«, sagt Jens Posthoff, der wie alle Nationalpark-Ranger Besucher kostenlos auf Wanderungen mitnimmt. »Locker kommen wir hier auf zwei Millionen Touristen jährlich.«

Die Natur hält diese Massen aus, solange niemand die ausgewiesenen Wege verlässt, sagt der Ranger: »Doch die meisten Besucher kommen nur zur Bastei, treten vor bis zur Aussicht, trinken Kaffee, fahren wieder. Vielleicht eine halbe Million Menschen wandern wirklich auf den reichlich 400 Kilometer gut ausgeschilderten Wanderwegen.« Die haben dann ihre Ruhe - und die zerbrechliche Naturschönheit auch. Man muss schützen, was man liebt, sagt Posthoff. »Wir machen Zugeständnisse, damit für jeden etwas dabei ist, sorgen auf den Strecken für gut begehbare, sogar betonierte Treppen und rollstuhlgerechte Wege. Es gibt aber auch Gebiete, die nicht mehr betreten werden dürfen. Oder wir lassen die Markierungen für die Zugänge zu den Kletterfelsen bewusst vergilben und setzten Geländer davor, damit nicht jeder hingeht, obwohl es eigentlich erlaubt ist .«

Das Gebirge ist gar keins

Spürbar ruhiger wird es bereits, als wir von der Bastei hinab in den Amselgrund wandern, so wie vor 200 Jahren die ersten Fremden. Es waren Künstler aus halb Europa, die mit Skizzenblock und Staffelei in die Märchenwelt der Elbwälder vorstießen. Und hingerissen diese bilderbuchschöne Naturkulisse mit ihren bizarren Felsformationen und riesenhaften Fichten malten. Die ideale Landschaft für den Geist der Romantik. Im Gefolge kamen Adlige und reiche Herrschaften, die von Sänften aus die Gegend erkundeten. Die wollten natürlich auch essen und trinken. So nahm der Tourismus seinen Anfang. Bis heute fahren die Ruderboote auf dem vor 80 Jahren extra aufgestauten Amselsee, und immer noch rauscht mächtig der Wasserfall auf Knopfdruck.

Neu ist das kleine Nationalpark-Info-Zentrum, hübsch verpackt in einer Hütte. Multimedial erfahren die Besucher dort staunend: Das Gebirge ist gar keins. Es handelt sich nämlich um den ausgetrockneten Grund eines Kreidemeeres - 100 Millionen Jahre alt. Als das Meer abfloss, blieben mächtige Sandsteinschichten zurück. In die fraßen sich die Elbe und ihre Nebenflüsse hinein und räumten sie aus, bis eine bizarre Ruinenlandschaft aus Quadersteinen übrig blieb, die ganz allmählich weiter zu Sand verfällt. Das ist einzigartig in Europa. All das zu bewahren, ist eine Jahrhundertaufgabe für den Nationalpark. Er schützt seit 1990 auf deutscher Seite, seit 2000 auch auf tschechischer die weitgehend naturbelassenen Bereiche. »Eine werdende Wildnis«, erklärt der Ranger. »In den Kernzonen greifen wir nur dort ein, wo es unbedingt nötig ist, wo Gefahr droht, und wir sorgen dafür, dass Weißtannen, Eichen und Buchen wieder mehr Platz finden.«

Eine Ahnung bekommen wir davon, als wir weiterwandern Richtung Hohnstein, auf einer Etappe des neuen »Malerweges«. Auf 112 Kilometern folgt er quer durch das Elbsandsteingebirge den historischen Pfaden der Künstler. Stufen wurden dafür in den Fels gehauen oder mit Holzbohlen in der Erde verankert. Es gibt Geländer und Haltegriffe, Brücken, Stege und unbefestigte Pfade. Weich federn unsere Schritte beim Aufstieg zum Hockstein mit seiner herrlichen Aussicht, über steile Stufen steigen wir zwischen senkrechten Wänden die Wolfsschlucht hinunter ins Tal des Polenzflusses, das mit seinen Farnen, Moosen und Flechten wie ein Urwald wirkt. Über allem kreist ein Wanderfalke. Still und weitgehend unbemerkt haben sich selbst Luchse und Schwarzstörche ihren Lebensraum im Elbsandsteingebirge zurückerobert.

Gulasch und Knödel

Das erfreut auch Ranger Jiří Rak, den wir am nächsten Morgen auf der böhmischen Nationalparkseite treffen. Sieben Wanderfalkenpaare haben die Naturschützer dort wieder gezählt, sagt er. »Das Elbsandsteingebirge hört ja nicht einfach an der Grenze auf. Und seit der Euroregion arbeiten wir grenzüberschreitend in der Sächsisch-Böhmischen Schweiz zusammen.« So ist es auch ganz einfach, hier herzukommen: Ab Nationalpark-Bahnhof Bad Schandau, wo auch die Schaufelraddampfer zur neuen Schrammsteintour ablegen, mit der Fähre nach Hřensko und dann mit dem Bus weiter zur Haltestelle Prebischtor. Dort gehen wir mit Rak durch wild wuchernde Natur steil bergauf, und hinter der letzten Kurve staunen wir nur noch mit zurückgelegtem Kopf. Uns erwartet das größte Naturfelsentor Europas. Imposant, gewaltig, aber auch zerbrechlich. Das tschechische Pendant zur Bastei. Nur viel leerer. Keinen Menschen treffen wir beim Weiterwandern über den Gabrielensteig bis nach Mezní-Luka, wo wir in einem Gasthaus Gulasch und Knödel essen.

Wir könnten von dort aus in den Soorgrund steigen und mit einem Kahn auf der Wilden Klamm fahren. Das nächste Mal, ein Tagesausflug ist viel zu kurz für die Böhmische Schweiz. Wir wollen ja auf dem Rückweg noch nach Sebnitz in die Kunstblumen-Manufaktur, und dann zur schönen Gräfin Cosel auf die Burg Stolpen. August der Starke hatte seine verstoßene Mätresse dorthin verbannt. 49 Jahre lang lebte sie auf dieser mächtigen Basalt-Festung wie in einem Gefängnis. Sie war so nah dran am Elbsandsteingebirge. Und hat es nie gesehen.

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