Paralleler Höhenflug

Beim Spiel Schalke gegen Bayern München treffen sich Kevin-Prince und Jérôme Boateng

  • Von Andreas Morbach, Gelsenkirchen
  • Lesedauer: 3 Min.

An seinen Gemütszustand am 21. März kann sich Kevin-Prince Boateng auch ein halbes Jahr später noch lebhaft erinnern. An jenem Donnerstag hielt der gebürtige Berliner eine Rede vor den Vereinten Nationen. Thema: Rassismus im Sport. »Ich war so unglaublich nervös, habe ohne Ende geschwitzt«, erzählt der 26-jährige Mittelfeldspieler von den Minuten, ehe er in Genf aufs Podium trat - wo er dann Worte fand, die an seinen kraftvollen Stil auf dem Fußballrasen erinnerten.

Der Sohn eines Ghanaers und einer Deutschen verglich Rassismus, mit dem er Anfang des Jahres bei einem Testspiel mit dem AC Mailand selbst konfrontiert worden war und deshalb - gefolgt von seinen Mitspielern - den Platz verlassen hatte, mit Malaria. Impfungen allein, berichtete er von Erfahrungen im ghanaischen Nationalteam, genügten beim Kampf gegen diese Krankheit nicht. »Man muss«, betonte Boateng, »die Teiche trocken legen, in den die Malaria-Mücken gedeihen«. Sollte heißen: Sonntagsreden allein schaffen Ausländerfeindlichkeit nicht aus der Welt.

Solch Sätze wollten so gar nicht zum Image des gefährlichen Brutalo-Kickers aus sozial schwierigen Verhältnissen passen, das ihm spätestens seit dem folgenschweren Foul an Michael Ballack kurz vor der WM 2010 speziell in Deutschland anhing. Doch Boateng arbeitet seither mit einem riesigen Poliertuch gegen seinen schlechten Ruf an. Auch auf dem Platz, wo er sich zu einem zuverlässigen Führungsspieler aufschwang - erst bei Milan, und neuerdings beim FC Schalke 04. Die übliche Eingewöhnungszeit fiel flach. Ende August kam er in Gelsenkirchen an. Seitdem feierten die Königsblauen, zuvor die pure Verunsicherung, drei Siege. Tragende Kraft war dabei jeweils, wie zuletzt beim 3:0 in der Champions League gegen Steaua Bukarest, als er wie schon im Ligaspiel in Mainz zudem als Torschütze glänzte: Kevin-Prince Boateng. Heute erlebt er das bisherige Highlight am neuen Arbeitsplatz: Das Duell gegen den FC Bayern, mit dem anderen Boateng, Jérôme, in der Innenverteidigung.

»Das ist eine Riesensache für uns«

»Das ist eine Riesensache für uns, dass wir auf diesem hohen Niveau gegeneinander antreten«, findet der Schalker. Das persönliche Niveau der beiden Halbbrüder bei der Rasenarbeit hat auch international Konsequenzen: Jérôme Boateng, im Abwehrzentrum längst eine feste Größe in München, bekam wegen konstant guter Leistungen zuletzt auch bei Bundestrainer Joachim Löw den Vorzug gegenüber dem Dortmunder Mats Hummels. Und Schalkes neuer Häuptling ist nach zweijähriger Abstinenz gerade wieder in Ghanas Kader zurückgekehrt.

Ein paralleler Höhenflug, auf dem der direkte Körperkontakt in Gelsenkirchen unumgänglich sein wird. Der Boateng aus dem Revier spielt als hängende Spitze, der aus dem Süden steht der bajuwarischen Defensive vor - und stellt sich gedanklich schon mal auf das eine oder andere Duell mit dem Halbbruder ein. »Weglaufen wird er mir sicher nicht«, verspricht Jérôme, der erst mal auf eine grundsolide Taktik baut: »Ich versuche es ohne Umhauen - aber wenn es nicht anders geht, mache ich es.«

Bei der WM 2010 spielten die Halbbrüder, die denselben Vater, aber unterschiedliche Mütter haben, zum letzten Mal gegeneinander: Der ruhige, zurückhaltende Jérôme, der wohlbehütet in Berlin-Wilmersdorf aufwuchs, und der furchtlose Draufgänger Kevin-Prince aus dem weniger friedlichen Stadtteil Wedding. Als sie früher zusammen mit ihrem anderen Bruder George in Berlin kickten, musste Jérôme abends immer zurück in sein bürgerliches Zuhause. Kevin-Prince, der nach vier Jahren wieder nach Deutschland heimkehrte, ist beim Duell mit den Bayern neben einem Sieg vor allem eines wichtig ist. »Ich habe«, teilt er mit, »Jérôme schon gesagt, dass ich enttäuscht wäre, wenn er mich auf dem Platz nicht mit 100 Prozent angeht.«

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