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Komplimente im Hinterhof

Folge 10 der nd-Serie »Ostkurve«: SV Lichtenberg 47

  • Von Stephan Fischer
  • Lesedauer: 3 Min.

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1950/51 eine Saison erstklassig, oft Berliner Meister: Der SV Lichtenberg 47, früher EAB 47, ist die dritte Kraft im Osten Berlins.

Nach dem Oberligaspiel im Lichtenberger Vereinsheim: Volkan Uluc, Trainer des BFC Dynamo, der zum Herbstanfang mit seiner Mannschaft die ersten Punkte der Saison abgibt, spricht der Lichtenberger Mannschaft ein »großes Kompliment« für die kämpferische Leistung aus. 70 Minuten in Unterzahl hat der SV Lichtenberg 47 am Ende gegen den Favoriten aus Hohenschönhausen ein 1:1 geholt. Dem Gästetrainer wird für seine fairen und ausgewogenen Worte applaudiert, auf den Tischen stehen da bereits große Schüsseln für das Essen nach der Punkteteilung. Nudeln und grünen Salat gibt es für Spieler und Schiedsrichter.

»Früher hatten wir nicht die Möglichkeit, Ortsderbys gegen Union oder wie heute den BFC hier zu spielen, wir mussten mit unseren zweieinhalbtausend Zuschauern ins Stadion der Weltjugend ausweichen. Das war ärgerlich für Zuschauer und Mannschaft, an der Chausseestraße ging der Heimvorteil natürlich koppheister.« Futsch heißt das auf Plattdeutsch und früher, das waren die 70er- und 80er-Jahre. Davon erzählt Henry Berthy im Geschäftszimmer des Vereins. Er ist Geschäftsführer des SV Lichtenberg 47, 61 Jahre alt und seit 42 Jahren Vereinsmitglied.

Sicherheitsbedenken sorgten damals für die unfreiwilligen Umzüge. »Spaßig haben wir immer gesagt, wir spielen auf dem Hinterhof des Ministeriums für Staatssicherheit Fußball.« Das Hans-Zoschke-Stadion, benannt nach dem 1944 von den Nazis ermordeten Sportler und antifaschistischen Widerstandskämpfer Johannes Zoschke, liegt an der Normannenstraße. Anfang der 50er-Jahre wurde es durch freiwillige Aufbauarbeit errichtet. Keine Laufbahn stört, kein Zaun trennt Zuschauer vom Spielfeld. In der Halbzeitpause laufen Kinder aufs Feld, toben auf dem Naturrasen zwischen Spielern herum.

»Von Fußballkennern und Besuchern wird es oft als zweitschönstes Stadion Berlins bezeichnet. Diese Komplimente hören wir gerne und sie verpflichten uns«, erklärt Henry Berthy weiter. Eine Flutlichtanlage wäre schön und die Sitzplatztribüne endlich überdacht, das ist eine Vision. Vor einigen Jahren hatte der Verein schon einmal ein »Dach« eingeweiht: Bei Regenwetter wurden kostenlose Schirme verteilt.

Dass heute im zweitgrößten reine Fußballstadion Berlins noch Spiele stattfinden können, ist auch der damaligen Zusammenarbeit zwischen Verein und der örtlichen Antifagruppe zu verdanken. In dieser arbeitete die Witwe von Hans Zoschke, Hilde mit. Verein und Gruppe einte das Ziel, den Spiel- und Erinnerungsort zu erhalten, auch gegen Erweiterungspläne für den MfS-Gebäudekomplex. Denen wäre das Stadion zum Opfer gefallen.

Hilde Zoschke war sich aber schon zu DDR-Zeiten sicher, dass Stadion und Andenken an ihren Mann erhalten bleiben: »Herr Berthy, wenn es mal ganz eng kommt: Mein Mann hat zusammen mit Erich Honecker in Brandenburg im Gefängnis gesessen und ich kann mich jederzeit an ihn wenden. Er hat mehr zu sagen als Erich Mielke. Demzufolge bleibt das Stadion so lange ich lebe«, hätte sie ihm damals gesagt, so Berthy.

Lichtenberg 47 mit seinen über 1500 Mitgliedern lebt vom Ehrenamt, es gibt keinen hauptamtlich Beschäftigten. Dieses Engagement hat die dritte Kraft im Osten Berlins auch über die Wende getragen, während andere Fußballgrößen wie Rotation oder KWO samt ihrer Trägerbetriebe verschwunden sind.

Mit 26 Teams, ist »47« heute einer der großen Vereine der Hauptstadt. »Wir wollen ein Ausbildungsverein sein und freuen uns, wenn Spieler wie Christian Stuff oder Halil Savran, die in unserer Jugend spielten, den Sprung in den Profibereich schaffen«, erläutert Henry Berthy .

Im Vereinsheim sind Nudeln und Salat verputzt, die Bundesliga im Fernsehen wird mehr ignoriert als geschaut. Wolfsburg gegen Hoffenheim interessiert hier niemanden. Die Ehrenamtler von Lichtenberg 47 sind froh und erschöpft, über 1200 Zuschauer sind gut für die Kasse, bedeuten gleichzeitig einen hohen Aufwand. Fast 50 Ordner mussten gefunden werden und ganz ohne Aufwandsentschädigung wollen die auch nicht nach Hause gehen. Für heute aber ist das Spiel gegessen und es sind genug Komplimente verteilt.

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