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Gegen die Standards

Preis der Nationalgalerie

Der Preis der Nationalgalerie für junge Kunst 2013 ging an Mariana Castillo Deball. Die fünfköpfige Jury wählte aus vier vorgeschlagenen Kandidaten die in Berlin lebende Künstlerin aus. Geboren 1975 in Mexico City, arbeitet die in bildender Kunst und Philosophie ausgebildete Castillo Deball genreübergreifend zum Thema Mexiko. Anlehnend an einen Essay von Octavio Paz, beruht die Thematik aber nicht auf einem schlichten mexikanischen Nationalismus, sondern vielmehr auf dem Bewusstwerdungsprozess einer postkolonialen Kultur. Vor diesem Hintergrund soll aber weniger eine abgehandelte Identitätskrise befragt werden. Castillo Deball verortet die bereits historische Krise in ihren Repräsentationsformen.

Im Hamburger Bahnhof installierte sie einen raumfüllenden, begehbaren Holzschnittstock, der eine fiktionalisierte Geografie aus der Zeit der Konquistadoren zeigt. Darauf indianisch anmutende Kostüme und andere Exponate. Die Künstlerin verweist auf museale, anthropologische und kunsthistorische Kulturtechniken, die sich mit der Repräsentation einer mexikanischen Kultur befassen. Dabei paraphrasiert der oftmals frei assoziative Umgang der Künstlerin mit archäologischen und ethnologischen Artefakten oder historischen Quellen den fiktionalen Gehalt so mancher Ausstellungsinszenierungen. Ihre Arbeit zeugt jedoch weniger vom Aufklärungswillen der Institutionskritik, als vielmehr von künstlerischem Selbstbewusstsein. Castillo Deball trotzt mit ihrer Arbeit dominanten wissenschaftlichen Standards und kratzt an gegebener Deutungshoheit.

Erstmals war die Auszeichnung in diesem Jahr nicht mit einer Preissumme verbunden. Die ursprünglich mit 100 000 Euro ausgestattete Ehrung, seither mit stetig schrumpfenden Budget, baut zur Unterstreichung ihrer Relevanz nicht mehr auf Jackpot-Effekte, sondern vertraut ganz auf die eigene instituierende Kraft. Der Preis besteht fortan aus einer Einzelausstellung in einem der Häuser der Nationalgalerie. Dies sei die größere Wertschätzung, so Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie. In der Neuausrichtung des Preises sieht er letztlich eine Optimierung, aus der vielleicht ein neues Selbstbewusstsein der Institutionen gegenüber einem allzu flüchtig gewordenen Kunstmarkt spricht. Der Preis für junge Filmkunst ging ebenfalls an einen Mexikaner, den in Hamburg lebenden Dokumentarfilmer Victor Orozco Ramirez.

Bis 12. Januar, Hamburger Bahnhof, Berlin

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