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Außerirdische Lilien

Drittligist Darmstadt 98 sieht die Pokalpartie gegen Schalke 04 als Entschädigung

  • Von Frank Hellmann, Darmstadt
  • Lesedauer: 3 Min.
Am Mittwoch soll der nächste Bundesligist am Böllenfalltor dran glauben: Der SV Darmstadt 98 empfängt in der 2. Runde des DFB-Pokals Schalke 04. Das Stadion ist ausverkauft - und »abgewirtschaftet«.

Sie macht sich wirklich gut, die weiße Lilie auf dem blauen Anzug, den Rüdiger Fritsch immer dann anzieht, wenn der Partner einer Frankfurter Wirtschaftskanzlei in seiner ehrenamtlichen Funktion als Präsident des SV Darmstadt 98 auftritt. Die Blume findet sich in Stadtwappen und Vereinslogo wieder. Und noch immer ist ja von den »Lilien« die Rede, wenn diese Mannschaft vorspielt - heute gegen den FC Schalke 04 erstmals nach einer Ewigkeit im bundesweiten Rampenlicht. Das DFB-Pokalspiel der zweiten Runde gegen den Erstligisten sieht Fritsch als »einen Segen und eine Entschädigung für alles an, was wir durchgemacht haben. Ich würde sogar von einer Belohnung sprechen.« Der Jurist meint die wohlfeile Entscheidung, anstelle des ewig bevorzugten FC Bayern zur Abwechslung mal solch eine Pokalpartie live in der ARD auszustrahlen, was die Bruttoeinnahme für den Gastgeber auf rund 600 000 Euro schnellen lässt.

Der 52-Jährige kann detailliert vorrechnen, wie sich dieser Betrag zwar durch Umbauten, Abgaben und Abzüge auf rund die Hälfte reduziert, »aber uns gibt das Handlungsoptionen«. Balsam für die seit drei Jahren schuldenfreien Darmstädter, deren Abstieg in die Regionalliga im Sommer schon besiegelt schien, ehe Kickers Offenbach mit seiner Insolvenz die Lizenz verlor. Nun steigt der Nachrücker vor den Augen von DFB-Präsident Wolfgang Niersbach in den Ring als Musterschüler, der für sein solides Wirtschaften gerühmt wird.

Der DFB-Pokal muss hier nicht missbraucht werden, um Missetaten aus dem Alltag aufzufangen. »Manchmal habe ich das Gefühl, wir stehen mit unserer Politik in der dritten Liga wie Außerirdische da. Aber das ist doch wie im normalen Leben: Wenn ich 100 Euro in der Haushaltskasse habe, kaufe ich nur für 95 Euro ein«, erläutert der im September des Vorjahres zum Präsidenten gekürte Fritsch, der zuvor bereits als Vizepräsident daran mitgewirkt hat, das Image als ewiger Sanierungsfall abzustreifen. Fritsch sieht rund um seinen Verein aber noch »unendlich viel Investitionsbedarf.«

Zuvorderst beim mit einem reduzierten Fassungsvermögen von 17 000 Plätzen restlos ausverkauften Stadion am Böllenfalltor, das wie ein Relikt aus einer längst verblassten Fußballepoche daherkommt. »80 Prozent unserer Zuschauer stehen im Regen«, sagt Fritsch, »dieses Stadion ist abgenutzt und abgewirtschaftet.« Die Stadt als Eigentümer hat gerade eine Machbarkeitsstudie zum Umbau abgesegnet. Wenn alles gut läuft, könnten im nächsten Jahr die Bagger anrollen.

Die Vereinsführung hat mittel- und langfristig mehr vor. Fritsch: »Wenn wir irgendwann wieder in die zweite Liga wollen, brauchen wir ein neues Stadion.« In Darmstadt werden nur 4,5 Millionen Euro pro Saison umgesetzt, das gesamte Drittligapersonal inklusive Trainerstab muss mit einem Etat von 2,4 Millionen auskommen - dafür würde manch Schalker Star nicht die Schuhe schnüren.

Dennoch scheut Trainer Dirk Schuster den Vergleich mit der »dritten Kraft in Deutschland« nicht. Die Worte »Schalke« und »Pokal« hatte der 45-Jährige bis zum Wochenende in der Kabine verboten, nun aber verspricht der einst unerschrockene Abwehrrecke eine Mannschaft, »die bis zum Ende alles geben wird.« So wie in der ersten Pokalrunde gegen Mönchengladbach, als 22 Prozent Ballbesitz genügten, um den Bundesligisten in die Verlängerung und letztlich im Elfmeterschießen in die Knie zu zwingen.

Dabei soll wieder die kleine Frankfurter Filiale helfen: Torwart Jan Zimmermann, Neuzugang Marcel Heller und Torjäger Dominik Stroh-Engel spielten alle mal bei der Eintracht, aber ohne dauerhaft Erstligatauglichkeit nachzuweisen. Für die 3. Liga reicht es: Zuletzt fertigte Darmstadt den MSV Duisburg mit 4:0 und Hansa Rostock mit 6:0 ab. »Wir sind ein schlafender Riese«, sagt Stroh-Engel, der gegen Rostock viermal traf. »Und wir haben auch schon nachgewiesen«, ergänzt Schuster, »dass wir einen Bundesligisten lange ärgern können.« So leicht lassen sich Lilien nicht knicken.

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