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Nichtwähler haben keine Wahl

  • Von Roberto de Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.

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Ich werde nicht wählen, sagte mir ein Bekannter vor der Bundestagswahl. Er wüsste nicht, was ihm das bringen sollte, erklärte er mir in trockenem Ton. Einen Tag später traf ich einen anderen Bekannten. Er kündigte dasselbe an. Seine Erklärung war fast identisch. Bringt nichts - und zusätzlich reizt ihn das Angebot auch nicht besonders. Auch seine Erklärung wirkte gefasst. Als sei diese Erkenntnis vieler Lebensjahre eine besondere Weisheit, an der zu rütteln sich nicht mehr lohne.

Das deckt sich mit Zahlen, die das Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung vor einiger Zeit veröffentlichte. Nichtwähler gehören demnach verhältnismäßig oft den unteren Schichten an, verdienen weniger als Menschen aus der Mittelschicht und haben einen niedrigeren Schulabschluss. Die Wahlbereitschaft sank zwar in den letzten Jahren in allen gesellschaftlichen Gruppen. Im Prekariat sank sie allerdings besonders stark. Fast 60 Prozent der Nichtwähler kommen aus den zwei unteren Fünfteln der Einkommensstatistik.

Das passt, denn meine zwei Bekannten sind im Niedriglohnsektor tätig. Es ist daher anzunehmen, dass sie diesem unteren Segment der Gesellschaft angehören. Über ihre Bildung weiß ich an dieser Stelle allerdings nichts zu berichten. Ungebildet im Sinne von blöd sind sie aber nicht. Das Argument, dass Nichtwähler also einfach nur Dummköpfe seien, wie das mancher entrüstete Demokrat gelegentlich anbringt, sei hiermit gleich mal entkräftet.

Peer Steinbrück hat in der Wahlarena mit einem geouteten Nichtwähler gehadert. Er sprach davon, dass das Wahlrecht geradezu eine Wahlpflicht sei. In die Pflicht nehmen als Anreiz reicht aber nicht. Man muss die Lebenssituation dieses einkommensschwachen Segments der Nichtwählerschaft verbessern. Die beste Wahlaufforderung ist immer noch, wenn der Bürger merkt, dass er der Gesellschaft nicht völlig egal ist. Genau das passiert aber nicht.

Wer das oft ungerechte Leben am unteren Ende der Gesellschaft kennt, der muss annehmen, dass er der Gesellschaft scheißegal ist. Wer unten steht hat keine Lobby, ist auf sich alleine gestellt. Man arbeitet hart und verdient wenig. Standards wie Kündigungsschutz und Lohnfortzahlung bei Krankheit sind für Mitglieder des Prekariats Luxus. Das trifft besonders für Leiharbeiter zu. Du wirst beschissen und ausgebeutet. Erholungsurlaub ist nicht drin. Die Miete ist zu hoch. Strom zu teuer. Ein Auto solltest du natürlich auch haben, um für den Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen. Falls es nicht reicht, kannst du ja via Jobcenter aufstocken und handelst dir gleich noch eine Stressquelle ein.

Wer lange so lebt, der verliert den Glauben daran, dass es je anders sein könnte. Leistung lohnt nicht, wenn man unten steht. So lernt man sich abzufinden. Man verbittert, weil man weiß, dass diese Situation politisch gewollt ist. Politik verblasst zu einem Sport für Bessergestellte, zu einer Farce, von der man auch wegbleiben kann, ohne dass es etwas ändern würde.

Charles Bukowski schrieb schon vor vielen Jahren über das Amerika der Unterschicht, über die lebendig Begrabenen eines völlig unregulierten Arbeitsmarktes, in dem es keine Sicherheit und keine Menschlichkeit mehr gibt. Wer die Isolation und das trostlose Lebensgefühl sozialer Emigration dieser Schicht, die alle vier Jahre mehrheitlich Nichtwähler hervorbringt, verstehen will, der sollte sich mal bei Bukowski informieren.

Mit »radical chic«, wie die Frankfurter Allgemeine neulich schrieb, hat das Nichtwählen so gesehen überhaupt nichts zu tun. Deshalb sind Kampagnen zur Wahlaufforderung, wie zum Beispiel die ProSieben-Aktion »Geh Wählen!« nahezu chancenlos. Denn sie bewerten Nichtwählerschaft vor allem als eine Sache fehlender Motivation und vertuschen damit, dass der Großteil der Nichtwähler sich aus Gründen der Resignation abwenden. Je mehr man diesen Nichtwählern mit lustigen Aufrufen auf die Nerven geht, desto eher fühlen sie sich in die Ecke gedrängt von diesem System, das sie schon im Arbeitsleben melkt.

Die beste Wahlaufforderung ist immer noch, wenn der Bürger merkt, dass er der Gesellschaft nicht völlig egal ist.

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