Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Bei den alten Kindern des Krieges

Mit der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft unterwegs in Belarus

  • Von Klaus Joachim Herrmann, Minsk
  • Lesedauer: 6 Min.
Als mit der deutschen Wehrmacht Tod und Vernichtung über Belarus kamen, waren sie Kinder. Sie wurden Waisen, Gefangene, Zwangsarbeiter. Die jüngsten Überlebenden sind heute um die 70 Jahre. Die Bundesstiftung »Erinnerung, Verantwortung, Zukunft« (EVZ) hilft im Lande und präsentierte Journalisten einige Projekte.

Wir sitzen an langer Tafel auf einer Waldlichtung. Einheimische, Vertreter der Stiftung, Journalisten. Es gibt Fisch aus dem See, Schaschlik heiß vom Grill. Brot, weiß und tiefschwarz. Wodka »Bulbasch«, eingelegte Pilze und Gurken. Domaschnije natürlich, hausgemachte, was sonst. »Das hat mein Mann Nikolai mit Besuchern stets so gehalten, das soll so bleiben«, sagt seine Witwe Rimma Igarjewna Girilowitsch.

Die Dorfstraße ist gesäumt von 44 hohen Birken. Keine Häuser. Nur noch die Gevierte der Fundamente aus Beton. Wo die Eingangstüren waren, liegt etwas. Eine Puppe, eine Spindel, eine Geige, ein Milchkrug. Geschmiedet oder gegossen. Schwarz. Auf einem Gedenkstein ist zu lesen: »Der Feind hat uns verbrannt. Alte Menschen, Frauen, Heranwachsende und Kinder. Entschuldigen Sie uns dafür, gute Leute, dass wir Sie nicht als Gäste empfangen.«

In dem belarussischen Dorf Dalwa starben 44 Menschen, als am 19. Juni 1944 die Deutschen kamen. Allein der damals 13-jährige Nikolai überlebte. Ohne ihn gäbe es das Memorial und das Denkmal der Mutter mit ihrem Jungen sicher nicht, berichtet Rimma Igarjewna. Spenden habe Nikolai gesammelt, Behörden bewegt. Eine meinte: »Wir können doch nicht den Wald elektrifizieren!« Sie konnte. Fünf Kilometer Straße gibt es heute auch.

Sieger und Helden

Die Hauptstadt mit 1,9 Millionen Einwohnern liegt 77 Kilometer südlich. Minsk ist modern und aufgeräumt. Helle Häuser und breite Straßen. Moskauer Formate. Das Kino heißt »Oktjabr«. Einen Palast der Republik gibt es. Viel Neubau, in die Höhe und bis zu den Rändern. Alles blitzsauber und abends ins rechte Licht gesetzt. Die Losung: »Gemeinsam für ein blühendes und glückliches Belarus«. Plakatierte Kinder versichern: »Wir machen Minsk schöner.« Das versuchen auch »BelSwissBank« und »Samsung«.

Fünfzackige Rote Sterne schmücken den Kreisverkehr auf dem Platz des Sieges. »Das Heldentum des Volkes ist unsterblich«, heißt es in großer Schrift an einem Gebäude. Zur Geschichte präsentiert die Stadt ihre Bilder und Zeichen - fast alle die des Sieges und der Helden.

Regina Alexandrowna Lawrowitsch hat uns zur Begrüßung »offene Augen und offene Seelen« gewünscht - und dass wir von den Sorgen erfahren. Die 80-Jährige ist Vorsitzende des belorussischen Verbandes der minderjährigen Zwangsarbeiter »Dolja« (Schicksal). Sie selbst war mit zwölf Jahren Zwangsarbeiterin in einem KZ in Frankreich. »Zwangsarbeit war Verrat.« Auf den Knien habe sie ihrer Mutter später schwören müssen, mit niemandem darüber zu sprechen. »Bei Stalin wurden wir repressiert und dann wurden wir vergessen«, sagt sie.

Erst die Vereinbarung mit Deutschland über eine humanitäre Unterstützung ehemaliger Arbeitssklaven habe es ihr möglich gemacht, über ihre Geschichte zu sprechen, erzählt Regina Alexandrowna. Heute seien die einstigen Häftlinge eine der bestorganisierten Gruppen der Bevölkerung. »Sehr verletzliche Menschen, aber eine feste Gemeinschaft.«

Das sind Menschen wie Sofia Andrejewna Salkind. Sie wurde 1945 in einem Konzentrationslager geboren. Die Mutter wollte mit ihr nichts zu tun haben. Kinder riefen dem Mädchen »Goebbels!« hinterher. Als Fünfjährige kam Larissa Witaljewna Sinkewitsch in das KZ Salaspils in Lettland. Dort nahm man Kindern so viel Blut für deutsche Soldaten ab, bis sie »halbtot in eine Grube geworfen wurden«.

Als Tamara Jewgenjewna Bytschok sechs Jahre alt war, brach der Krieg aus. Sie musste mit ansehen, wie Menschen in eine Scheune getrieben und lebendig verbrannt wurden. »Die draußen können sich dran aufwärmen«, riefen Soldaten. Doch sie sagt: »Die Nazis sind das eine, Deutsche sind etwas anderes.« Beantwortet Tamara Jewgenjewna eine Frage, steht sie auf. »Weil ich so klein bin«, sagt sie und lächelt etwas verlegen. »Wie eine Schülerin.«

Anderthalb Autostunden nordwestlich von Minsk liegt die Stadt Molodetschno. In der Mittelschule Nr. 5 wirkt dank der engagierten Lehrerin Lidia Borissowna Knjasewa schon seit 26 Jahren der Klub Poisk (Suche). Er gibt in mühevoller Kleinarbeit betagter ehemaliger Gefangener und junger Mitglieder bis dahin namenlosen Opfern des Kriegsgefangenenlagers »Stalag 342« ihre Namen zurück, Angehörige werden informiert. In dem KZ starben von 1941 bis 1944 insgesamt 33 150 Kriegsgefangene, Zivilisten und Kinder. 1000 Namen wurden schon gefunden.

Treff im Keller

Die 16-jährige Natascha Mandrik ist seit fünf Jahren dabei und jetzt auf dem Sprung nach Witebsk zum Medizinstudium. »Ich habe den Bruder meiner Großmutter gefunden. Dann wussten wir, wo er begraben ist.« Nein, schwierig sei es mit den alten Menschen überhaupt nicht, erklärt sie entschieden. »Das sind sehr fröhliche Leute. Wir lernen von ihnen. Sie erfahren, was uns interessiert.«

In die Stadt Borissow mit ihren 100 000 Einwohnern hält 90 Kilometer von Minsk entfernt der Herbst Einzug. Die bunten Blätter scheinen geordnet auf Haufen zu fallen. Am zentralen Platz weist Lenin vom Sockel irgendwohin ins Höhere.

Hinunter lenkt seine Besucher Eduard Petrowitsch Gedroiz, Überlebender eines KZ und Vorsitzender der Kreisorganisation der ehemaligen minderjährigen Opfer des Faschismus. Deren Treff für Gespräch, Begegnung und auch manches Brettspiel findet sich im Keller eines Wohnhauses. Der wirkt gemütlich. Liebevoll ist der Tisch gedeckt. Bunte Handarbeiten schmücken die Wände. Seit Wochen bastelten die Gastgeber gerade hier auch an ihrem Programm.

Doch die Stadtverwaltung hat ein anderes im Sinn. Alla Georgijewna Lenkina, Vizechefin für Ideologie, Kultur und Jugend im Kreisexekutivkomitee, setzt sich durch. So ziehen wir denn in die staatliche Zentrale Kreisbibliothek - wohl weil sie repräsentativer sei. So kommt es denn eben hier als Beispiel zu Begegnung und Austausch und mit jungen Partnern zum Spiel. Das hätte eigentlich, wie sonst auch, im nahen Park mit dem Denkmal stattgefunden.

Eine »besondere Aufmerksamkeit staatlicher Organe« stellt das deutsche Auswärtige Amt in seinen Reisehinweisen für die Republik Belarus fest. Der erfreuen sich kaum allein EU-Bürger. Sie gilt in der von Alexander Lukaschenko seit 1994 als Präsident autoritär geführten Republik durchaus auch für Nichtregierungsorganisationen (NGO).

Sicher genießt die Vorstandsvorsitzende von »Wsaimoponimanije« (Verständigung), Anshelika Anoschko, auch deshalb großen Respekt, weil sie damit - und mit einer mächtigen Bürokratie - immer noch zurecht gekommen ist. Über diese NGO als Träger der Programme werden derzeit rund 2600 NS-Opfer und 1400 andere aktive Senioren, die sich gemeinsam mit den Überlebenden engagieren, erreicht. Die deutsche Stiftung EVZ bewilligte im Jahr 2013 zwölf Projekte mit einer Gesamtsumme von 300 000 Euro.

Es gehe »nicht zuerst um Geschichtsaufarbeitung, sondern um die Menschen«, versichert EVZ-Vorstandsvorsitzender Martin Salm bei der Rückfahrt. Er weist »politische Hintergedanken« von sich. Aber hier in Belarus sieht er eine ganz »besonders hierarchische staatliche Organisation«. Die sollte »zivilgesellschaftlich ergänzt werden durch Räume, in denen die Menschen zu Wort kommen«.

Die Glocken von Chatyn

Abends im nationalen Denkmal Chatyn. Das war Name und Ort eines von 9200 Dörfern, die verbrannt wurden - viele zusammen mit ihren Einwohnern. Birken säumen das Gelände dieses »Friedhofes der Dörfer«. Glocken schlagen an. Hier, dort. Alle 30 Sekunden brechen sie die Stille.

Wie die Überlebenden dieses Grauens. Die erzählten uns Deutschen ihre Geschichten, ihre Geschichte - von damals, als sie noch Kinder waren. So alt damals wie gerade heute vielleicht unsere Kinder oder Enkel. Sie haben gesehen, durchlebt und erlitten, wovon noch das Geringste jedem erspart bleiben möge. Sie danken für den Besuch, freuen sich auf ein Wiedersehen. »Dass sie überhaupt mit uns sprechen...«, meint jemand neben mir.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln