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Kampfansage ans Bildungsbürgertum

Ilka Hoffmann, Schulexpertin der GEW übers Sitzenbleiben, Notenunsinn und halbherzige Bildungsreformen

Ilka Hoffmann hat Grund-, Haupt- und Sonderschulpädagogik studiert. Zehn Jahre lang hat sie als Integrationslehrerin an einer Sekundarschule im Saarland gearbeitet. Die Inklusionsexpertin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) leitet seit Kurzem den Bereich Schule beim Vorstand der GEW. Sie sagt: »Inklusion ist mehr als nur der gemeinsame Unterricht von Behinderten und Nicht-Behinderten, Inklusion muss sich auch um die Förderung von sozial benachteiligten Schülern kümmern.« Mit ihr sprach Jürgen Amendt.

nd: Wenn Sie morgen Bildungsministerin werden würden, was würden Sie als erstes ändern?
Hoffmann: Als erstes würde ich in den Schulen die Zensuren und das Sitzenbleiben abschaffen.

Vollständig, also in allen Jahrgangsstufen?
Das Sitzenbleiben: Ja. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn man Noten bis zur achten Klasse abschaffen könnte. Politisch und gesellschaftlich ist das allerdings nicht durchsetzbar.

Als Bildungsministerin würden Sie sowieso einen schweren Stand haben. Was gewollt werden darf, entscheidet in der Regel der Finanzminister.
Stimmt. Weshalb ich als Bildungsministerin sofort intensive Verhandlungen mit dem Finanzminister führen würde. Das Geld ist ja durchaus da, es wird nur falsch ausgegeben. Und wenn man das ändern will, heißt es gleich, das sei nicht finanzierbar, das sei unrealistisch.

Das traurige Los des Politikers. Nur was als realistisch gilt, wird auch gewollt?
Mag sein, aber schlimmer wäre es, die Menschen zu enttäuschen.

Warum sind Bildungsreformen so schwer durchsetzbar: Scheitern Sie am fehlenden politischen Willen, am fehlenden gesellschaftlichen Konsens oder vielleicht sogar daran, dass selbst an vielen Schulen der Widerstand groß ist?
Es ist von allem ein bisschen, hauptsächlich aber am Widerstand vieler bildungsbürgerlich sozialisierter Eltern, deren Interesse darin besteht, ihrem Nachwuchs im sozialen Wettbewerb die Privilegien zu sichern. Noten zum Beispiel sind in dieser Hinsicht ein klares Kriterium, das über den Zugang zum Gymnasium entscheidet. Den schaffen Kinder aus sozial unterprivilegierten Schichten deshalb deutlich weniger oft als jene aus der sogenannten oberen Dienstklasse.

Weil sie vom Elternhaus weniger unterstützt werden oder weil die Schule versagt?
Ich würde das so formulieren: Unser Schulsystem versagt beim Ausgleich sozialer Benachteiligung.

In den vergangenen 40 Jahren ist noch jede Landesregierung, die versucht hat, das Schulsystem sozial gerechter zu gestalten, gescheitert. Erst 2010 musste sich der schwarz-grüne Senat in Hamburg einem Volksentscheid gegen eine längere Grundschulzeit geschlagen geben. In den 1970er Jahren hatten sich SPD-geführte Regierungen bei der Einführung der Gesamtschulen blutige Nasen geholt.
Weil alle Debatten in diese Richtung nur halbherzig geführt wurden.

Inwiefern?
Die Debatte muss meiner Ansicht nach über das Thema Schule hinaus gehen. Sozialen Ausschluss gibt es ja nicht nur im Schulsystem. Die Exklusion setzt sich in der ganzen Gesellschaft fort. Von einem längeren gemeinsamen Lernen profitieren vor allem die Kinder aus sozial marginalisierten Gruppen, aus dem sogenannten Hartz-IV-Mileu. Das wäre echte Inklusion.

Sie meinen die Umsetzung der UN-Konvention zum Schutz der Rechte von Behinderten. Arme Kinder sind doch nicht behindert!
Das stimmt, aber der Begriff Inklusion ist meines Erachtens zu eng gefasst. Im Moment wird beispielsweise das Thema fast ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Beteiligung von Kindern mit Behinderungen geführt. Inklusion aber ist mehr, denn sie bedeutet auch die Förderung von sozial benachteiligten Gruppen in einem Bildungssystem, in dem es um Schneller, Höher, Weiter, Reicher geht. Wir brauchen einen anderen sozialen Konsens in der ganzen Gesellschaft. Ich sehe nicht, dass die SPD bzw. die im weitesten Sinne links geführten Landesregierungen diese Problematik verinnerlicht hatten bzw. haben. Im Gegenteil: Hartz IV ist ja eine Erfindung der SPD. Die Agenda 2010 widerspricht dem Anspruch der Inklusion ganz grundlegend.

Ende dieses Jahres wird eine neue PISA-Studie vorgestellt. Bislang war die PISA-Debatte überwiegend davon geprägt, dass der Auf- bzw. Abstieg Deutschlands im Ranking im Fokus stand. Bayern, das auf seine nationalen PISA-Spitzenplätze stolz ist, wurde dafür von der GEW immer kritisiert. Neiden Sie den Bayern den Erfolg?
Nein, darum geht es nicht. In der Debatte wurden und werden die falschen Vergleiche angestellt. Natürlich schneiden z.B. die Schüler in München besser ab als die in Bremerhaven. Man muss das aber in Relation zu den durchschnittlichen Haushaltseinkommen in den beiden Städten sehen. Weitere Fragen sind: Welche Bildungsanreize gibt es in den Familien, welche Freizeitmöglichkeiten haben die Schüler? Wenn solche Aspekte in die Auswertung der PISA-Studien mit einbezogen werden, ergibt sich ein anderes Bild.

Und welches?
Das, dass der PISA-Erfolg maßgeblich von sozialen und bildungssozialen Faktoren abhängt und weniger vom jeweiligen Schulsystem. Nach der ersten PISA-Studie vor über zehn Jahren war das noch ein Thema. In der Folgezeit geriet dieser Aspekt allerdings in den Hintergrund. Stattdessen wurde an den Schulen immer mehr getestet. Statt zu sagen, der Staat muss mehr Geld für die sozial Benachteiligten im Schulsystem ausgeben, hieß es vielfach: Die Schule tut zu wenig für die Hochbegabten.

Was ist daran schlecht, Hochbegabte besser zu fördern?
Grundsätzlich nichts, aber die Forderung wurde vor dem Hintergrund eines verschärften Verteilungskampfs geführt. Viele Schulen geben sich jetzt Profile, die auf dem Begabungsbegriff aufbauen. Sicherlich sind unter den Schülern, die so in den Genuss zusätzlicher Schulstunden und einer besseren Lernsituation kommen, auch Kinder aus bildungsfernen und sozial unterprivilegierten Schichten. Aber in der Regel sichern sich über eine solche Profilbildung die bildungsbürgerlichen Eliten ihre Pfründe.

Das klingt nach einer Kampfansage an das Bildungsbürgertum.
Nein, das soll es nicht sein. Natürlich haben Eltern jedes Recht, das Beste für ihre Kinder zu wollen und dafür auch alles zu tun. In der Verantwortung für mehr Bildungsgerechtigkeit steht aber der Staat. Er hat die Pflicht, Schulen mit einer schwierigen sozialen Klientel entsprechen finanziell und personell auszustatten. Wenn die wenigen Leuchtturmschulen nur in den bürgerlichen Gegenden entstehen, werden sich die Verteilungskämpfe noch verschärfen. Solange der Staat hier versagt, kann ich Eltern gut verstehen, wenn sie nach Alternativen für die örtliche »Ghetto-Schule« für ihre Kinder suchen.

In Berlin hat vor Jahren der damalige rot-rote Senat mit der Gemeinschaftsschule versucht, eine solche Alternative für Schüler aller Schichten zu schaffen.
Dem kann ich nur teilweise zustimmen.

Aber Gemeinschaftsschule heißt doch: Eine Schule für Alle und gemeinsames Lernen?
Auf dem Papier ja, aber in der Praxis verfestigt die Gemeinschaftsschule das gegliederte Schulsystem. Dieser Schultyp wurde eingeführt, um das Gymnasium zu konsolidieren.

Das Lieblingsprojekt der Linkspartei als Stützhilfe fürs Gymnasium?
Die Gemeinschaftsschule ist teilweise auch eine Art »Gymnasium light«, ein Fluchtpunkt für die Eltern, die ihren Kindern das achtjährige Gymnasium nicht zumuten wollen. Gemeinschaftsschule an sich ist noch kein Heilsbringer. In verschiedenen Kurssystemen und Bildungssystemen wird doch wieder das gegliederte Schulsystem mit seinen diskriminierenden Elementen konserviert. Es ist nicht wichtig, was auf dem Türschild steht, sondern was konkret in der jeweiligen Schule passiert. Eine Schule ist dann gut, wenn sie den vielen verschiedenen Kindern und Jugendlichen die möglichst beste Bildung vermitteln kann sowie Werte wie Demokratie, Gleichberechtigung und Toleranz glaubhaft in ihren Strukturen und Umgangsformen umsetzen kann - egal, ob diese Schule dann Gemeinschaftsschule, Stadtteilschule oder wie auch immer heißt.

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