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Winkende Galeristen

In Istanbul blüht eine Kunstszene, die internationale Gäste anzieht. Viele bleiben

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Istanbul - Drehpunkt der Geschichte und Kulturen, Metropole zwischen Orient und Okzident. Aber Istanbul hat auch eine moderne Seite, gilt als »die« neue Kunsthauptstadt. Auch viele deutsche Künstler zieht es an den Bosporus. Was finden sie dort, das ihnen New York oder Berlin nicht bieten?

Das Stimmengewirr vor den offenen Galerietüren steigt die rauen Hauswände empor. Der Abend spannt sich blau über die Gasse. Zwischen parkenden Autos und Blumenkübeln drängen sich Menschen in Turnschuhen und Pumps. Drinnen trägt man Weingläser aus Plastik und schiebt sich an Bildern entlang. Heute ist Ausstellungseröffnung in einer der Galerien, die in den verwinkelten Straßen von Çukurcuma gedeihen, im europäischen Zentrum von Istanbul.

Die Szene boomt. Neue Galerien und Kunstmessen eröffnen. Zur erfolgreichsten Messe, der Contemporary Istanbul, kamen im vergangenen Jahr etwa 68 000 Besucher. Mehr als zur Frieze London. Künstler und Kuratoren strömen an den Bosporus, der Blick geht nach Osten. Auch viele Deutsche zieht es in die Metropole, die Europa und Asien verbindet. Was finden sie hier, das ihnen New York oder Berlin nicht bieten?

Carla Mercedes Hihn steht mit einigen Freunden im Gedränge vor der Galerie in Çukurcuma. Der Abend wird dunkler, die Stimmen werden lauter, man überlegt, wo man als nächstes hingeht. Hihn, mit Porzellanhaut und Fransenpony, wirkt ein bisschen ätherisch, wie ihre Kunst, die mit transparenten Fotos und Schattenwurf spielt. »Es ist nicht einfach, in den kleinen Galerien etwas Interessantes zu finden«, sagt die Stipendiatin aus Berlin. »Manche Sachen sind eher auf Studentenniveau. Hier scheint vieles noch nicht so entwickelt.« Sie lacht ein bisschen und schiebt schnell nach: »Wahrscheinlich bin ich zu verwöhnt. In Berlin bekommt man ja viel geboten an internationaler Kunst.« Die 32-jährige Künstlerin wohnt hier in dem Nobelviertel Nişantaşı, die Bilder in den dortigen Galerien nennt sie »Sofakunst«. Hübsches, folkloristisches Design.

Aber nur in Istanbul könne man sich seine Mappe unter den Arm klemmen und einfach in die nächste Galerie hineinspazieren. »In Berlin wäre das undenkbar. Da wäre man sofort unten durch, wenn man sich selbst vorstellt.« In Istanbul ist der Kontakt direkter, man kennt sich. Weil die Szene klein ist und jung, gibt es noch wenig eingemauertes Establishment. Galeristen sind hier noch Menschen, die einem aus Straßencafés zuwinken.

Auch Sammler sind leichter zu überzeugen, weiß Kuratorin Anna Zizlsperger. »Sie sind interessiert und noch eher unschuldig.«. Die 32-Jährige sitzt in der Kunstbibliothek von Salt Galata, eine der neuesten und wichtigsten Kulturinstitutionen. In dem marmornen Gebäude, das früher eine Osmanische Bank war, finden Ausstellungen, Konferenzen und Workshops statt. Zizlsperger kommt gerne in das helle, stille Café und arbeitet an ihrer Webseite. Als sie im vergangenen Jahr nach Istanbul zog, gründete sie das englischsprachige Online-Kunstmagazin exhibist.com. Um den vielen ausländischen Künstlern einen Überblick über die Szene vor Ort zu geben. Mit einem Lippenstiftlächeln fasst die Kuratorin zusammen, was Istanbul so anziehend macht. »Hier ist viel Geld da, in Berlin nicht.« Ohne die reiche Unterstützung der Sammler und Sponsoren wäre Istanbuls Kunstszene gar nicht denkbar. »Staatliche Förderung gibt es so gut wie keine.« Die Institution Salt wurde von der Garanti Bank finanziert.

Für die Künstlerin Anna Heidenhain, 34, liegt der Reiz nicht in den repräsentativen Galerien, sondern dort, wo es dreckig ist, eng und dunkel: im Handwerkerviertel. Sie ist auf dem Weg in die Werkstatt von Adem, der eigentlich Gardinenhalter und Wasserhähne herstellt. Er soll ihr helfen, ein Glitzerauge aus Polyester zu gießen für eine neue Wandinstallation. Die Absolventin der Düsseldorfer Kunstakademie wirbelt in grünem Mantel und mit Wuschelfrisur durch die Gassen, um blauen Glitzerstaub zu kaufen.

Seit sechs Jahren lebt sie in Istanbul. »Eine Stadt wie New York wäre mir zu teuer.« Hier kann Heidenhain ihre Installationen günstig produzieren, »es gibt alles«, sagt sie und zeigt auf einen Laden, der Anker für Schiffe verkauft. Eine Ecke weiter gibt es nur Schrauben, in der nächsten Straße säckeweise Farbpulver. Das Handwerkerviertel in Karaköy, direkt am Goldenen Horn, der geschichtsträchtigen Bucht zwischen Bosporus und Marmarameer, ist nach Branchen sortiert. »Das ist extrem praktisch, wenn ich ganz bestimmte Dinge suche.« Praktisch ist auch, dass sie hier die Werkstätten mitbenutzen kann, von Schweißern, Schlossern, Keramikern. »Ich finde das fantastisch. Der Austausch mit den Handwerkern ist toll, die haben gute Ideen.«

»Gerade das Kunsthandwerk ist für unsere Studenten interessant, weil sie es in dieser Art nicht kennen«, sagt auch Silvia Erdem, 49, die schon seit zehn Jahren in Istanbul wohnt. Die Künstlerin betreut Stipendiaten aus Sachsen-Anhalt - von der Kunststiftung des Landes und der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle. Dem Nachwuchs vermittelt sie Kurse bei Einheimischen, wo sie arabische Kalligrafie oder Tezhib lernen, die Kunst der Dekoration mit Ornamenten.

Seit 2010 gibt es für die Stipendiaten eine Atelierwohnung in Kadıköy, im asiatischen Teil Istanbuls. Auch hier ist der Kunstboom angekommen. Seit einigen Jahren entstehen immer mehr Galerien, Ateliers und Projekträume - weil die Mieten günstiger sind als im europäischen Teil, wo die Gentrifizierung um sich greift. Die Wohnung liegt in einer Seitenstraße. Vom Lärm der Stadt ist nichts zu spüren. Nur ein paar Katzen streunen umher. Silvia Erdem sitzt vor einer Tasse türkischem Mokka und überlegt, warum so viele Künstler nach Istanbul wollen. »Es ist eine absolute Neugierde auf das Land und die Kultur. Weniger auf die Kunstszene hier. Es ist eher die Stadt selbst.«

Ihr ging es vor zehn Jahren ähnlich. Erdem, ehemals Schülerin von Rebecca Horn, einer der international bekanntesten deutschen Künstlerinnen, wollte sich verändern. Irgendwo hinziehen. Vielleicht nach New York? Sie flog hin, schaute sich um und entschied: auf keinen Fall! »Ich fühlte mich, als sei ich in Berlin geblieben. Die Kunstszene war gar nicht so anders.« Sie entschied sich für Istanbul. »Bist du verrückt?! Was willst du da?«, fragten ihre Künstlerfreunde ungläubig. Jetzt rufen sie ständig an, wenn Messen in der Stadt sind oder die Kunstbiennale. »Können wir vorbei kommen und bei dir wohnen?« Auch jetzt, mitten in der Biennale, die noch bis 20. Oktober läuft, wird Silvia Erdems Haus wieder voller Besucher sein.

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